eine Frau im Rollstuhl und ein Mann machen ein Selfie mit Getränken in der Hand | © ELEVATE / pexels.com

Leben mit Persönlicher Assistenz (Erfahrungen)

Das Leben, das mit der Hilfe von dem Persönlichen Budget organisiert werden kann, bietet viele Möglichkeiten und vor allem Selbstbestimmtheit. In der Regel gibt es zwei unterschiedliche Modelle, wie das Persönliche Budget verwendet wird: Entweder „kauft“ man sich einen Pflegedienst, bei dem die Assistent*innen arbeiten, oder die persönliche Assistenz ist bei dem Menschen mit Behinderung direkt angestellt.

Ich habe mich für die zweite Variante entschieden und stelle meine Assistent*innen direkt bei mir an. Seit ich 16 Jahre alt war, bin ich Arbeitgeberin und leite ein Team von im Durchschnitt 12 Leuten. Zwar habe ich keine kompletten 24 Stunden Assistenz, aber unter der Woche sind meine Leute mindestens 20 Stunden täglich für mich da. Ich wohne zusammen mit meiner Mutter in einer schönen Wohnung in München. Gemeinsam organisieren wir mein Team und unseren Alltag.

Es gibt im Netz viele Informationen dazu, wie das Persönliche Budget beantragt und finanziert werden kann und darauf möchte ich in diesem Artikel auch gar nicht eingehen. Mehr zum Persönlichen Budget an sich erfahren Sie in unserem Artikel Informationen zum Persönlichen Budget.

Die Verhandlungen mit den Kostenträgern können lange und anstrengend sein. Doch irgendwann ist es geschafft. Die Zielvereinbarung ist unterschrieben. Das Team von Assistent*innen steht. Endlich halten wir einen Teil von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit in unseren Händen.

Kostenübernahme bewilligt: Und dann?

Jetzt ist ein Großteil des Weges geschafft, aber die Reise mit dem Assistenz-Team hat gerade erst begonnen.

Der Alltag mit Persönlicher Assistenz bietet sehr viele Freiheiten. Wenn man sich dazu entschließt, Personal direkt bei sich anzustellen, ohne die Instanz eines Pflegedienstes dazwischen, dann bringt dies alle Vor- und Nachteile eines Arbeitgebers mit sich.

Im Folgenden möchte ich euch von meinen Erfahrungen erzählen, die ich in den neun Jahren gemacht habe, seit ich meine Assistenz im Arbeitgebermodell organisiere. In diesen neun Jahren habe ich zwar schon wirklich viel gelernt, aber mein Lernprozess als Arbeitgeberin ist wahrscheinlich nie beendet. Noch heute stoße ich auf Herausforderungen und Fragen, die ich vorher nie in Erwägung gezogen hätte.
Aber genug von der Einleitung.

Beginnen wir am Anfang.

Der Anfang

Zuerst hatte ich acht Jahre lang einen Pflegedienst, der Personal zu mir geschickt hat. Es war die Hölle. Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen beim Pflegedienst blieb dort kein*e Mitarbeiter*in wirklich lange. In einer Zeit, in der ich mich eigentlich auf meinen Schulabschluss konzentrieren sollte, war ich damit beschäftigt, unzählige neue Pfleger und Pflegerinnen einzuweisen, die nur wenige Monate später wieder kündigen würden. 

So konnte es nicht weitergehen. Mir ging es psychisch gar nicht mehr gut und ich hatte nicht selten Lust, jemanden so zu erwürgen wie Darth Vader die Angestellten des Imperiums erwürgte. Es musste unbedingt eine Lösung her, um mir mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Ein Sturmtruppler aus Star Wars schiebt einen anderen Sturmtruppler im Rollstuhl | © pixabay.de

Persönliche Assistenz ist für viele eine gute Lösung (Foto: pixabay)

Das Arbeitgebermodell war mir schon lange bekannt. Nur die Umsetzung war eine ganz andere Sache. Ein ganz eigenes Team aufbauen? Vorstellungsgespräche führen? Dienstpläne schreiben? Urlaube der Assistent*innen einplanen? Da kam jede Menge Verantwortung auf meine Mutter und mich zu. Trotzdem: Alles war besser als länger beim Pflegedienst zu bleiben.

Und so begannen die Verhandlungen mit dem Kostenträger für das Persönliche Budget.
Nach monatelangen Diskussionen konnte endlich die Zielvereinbarung unterschrieben werden. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht volljährig und damit auch nicht voll geschäftsfähig war, unterschrieb meine Mutter stellvertretend für mich.

Die Vorstellungsgespräche

Während über die Zielvereinbarung diskutiert wurde, musste parallel mein Team aufgebaut werden. Wir schalteten überall Stellenanzeigen. In Zeitungen, Zeitschriften und auf Online-Portalen. 

Mittlerweile, neun Jahre später, ist mir klar, dass es Monate gibt, in denen die Personalsuche gut funktioniert und Monate, in denen sich fast nie jemand bewirbt. So schalte ich beispielsweise nie im Dezember, wenn es sich vermeiden lässt. 
Bewerbungen zu sortieren und zu beantworten, kann durchaus mehrere Nachmittage in Anspruch nehmen. 

Dann kommen die Vorstellungsgespräche. Es ist spannend und zugleich kräftezehrend, so viele Menschen einzuladen und mit ihnen ein Vorstellungsgespräch zu führen. Manche Bewerber*innen sind ruhig und in sich gekehrt und manche antworten auf gestellte Fragen sehr professionell. 

In den letzten Jahren hat sich leider ein Trend entwickelt, den man auch Ghosting nennt. Ein Bewerber oder eine Bewerberin meldet sich per Mail und zeigt scheinbar aufrichtiges Interesse. Es gehen ein paar Mails mit weiteren Informationen hin und her und schließlich wird ein Termin für ein Vorstellungsgespräch vereinbart. 

Den vereinbarten Termin halte ich natürlich frei. Und dann… kommt niemand. Telefonisch ist dann der Bewerber oder die Bewerberin plötzlich auch nicht mehr zu erreichen. Es ist schon oft vorgekommen, dass ich von diesen Bewerber*innen nie wieder etwas gehört habe. 
Manche haben sich verschiedene Ausreden einfallen lassen, warum sie nicht zu einem Vorstellungstermin erschienen sind. Zu einem zweiten Termin tauchen sie dann meistens auch nicht auf.

Solche Bewerbungen kann man leider nicht verhindern. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dies mit Gelassenheit und Humor zu nehmen.
Der Moment, wenn man die passende Person für sein Team gefunden hat, ist super. Es ist einfach sehr schön, Menschen bei sich angestellt zu haben, bei denen man merkt, dass sie gerne bei mir arbeiten.

Ich habe noch immer Assistent*innen in meinem Team, die von Anfang an dabei waren, die mit mir vom Pflegedienst ins Arbeitgebermodell gewechselt sind und die lieber mich als Arbeitgeberin hatten.

Der alltägliche Wahnsinn

Als Arbeitgeberin hat man eine Menge Verantwortung. In hektischen Monaten kann es durchaus sein, dass meine Mutter und ich zusammen jede Woche ungefähr 20 Stunden mit Arbeit verbringen, die mit dem Arbeitgebermodell zu tun hat. Das ist im Grunde eine Teilzeitstelle. Seien es Vorstellungsgespräche, Einarbeitungen, Abrechnungen oder Dienstpläne. Es gibt fast immer etwas zu organisieren. 

In dem Modell, das ich gewählt habe, gibt es keine andere Instanz zwischen mir und meinen Assistent*innen. So auch bei Ausfällen wegen Krankheit. Wenn jemand beispielsweise am Abend anruft und sich für den nächsten Tag krank meldet, dann muss ich selbst schnellstmöglich einen Ersatz finden und verschiedene Assistent*innen anrufen.

Am Ende des Monats mache ich den Dienstplan für den folgenden Monat und überweise das Gehalt für meine Leute. Egal ob ich Lust oder Kraft dafür habe, manche Dinge müssen im Arbeitgebermodell einfach regelmäßig erledigt werden.

Einer jungen Frau im Rollstuhl wird beim Makeup auftragen assistiert. | © gesellschaftsbilder.de

Eine Beziehung auf Augenhöhe ist entscheidend (Foto: Gesellschaftsbilder.de)

Die Beziehung zwischen mir und meinen Assistent*innen ist ganz anders als beim Pflegedienst. Ein respektvoller Umgang ist selbstverständlich. Zudem gibt es nicht ständigen Wechsel, da sowohl Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeberin zufrieden sind. Ich habe ein super eingespieltes Team. Manchmal kann sich sogar Freundschaft entwickeln. 

Eine Herausforderung kann sein, eine klare Linie zwischen Privatem und Professionellem zu ziehen. Indem man so viel Zeit miteinander verbringt, lernt man sich unweigerlich sehr gut kennen. Meine Assistent*innen wissen Dinge über mich und mein Privatleben, das vermutlich kein anderer Arbeitnehmer über seinen Chef oder Chefin wissen würde. 

Trotzdem bin ich Arbeitgeberin und muss mich in gewissen Situationen auch so verhalten. Wenn beispielsweise Krankmeldungen nachgereicht oder Termine geklärt werden müssen, dann bin ich Arbeitgeberin und keine Freundin oder Hilfsbedürftige. Diese Grenze zu ziehen ist manchmal schwer, aber mit der Zeit bekommt man Übung und Erfahrung.

Das Arbeitgebermodell – Die ultimative Alternative zum Pflege- oder Assistenzdienst?

„Für mich ist es die beste Lösung.“

Da ich rund um die Uhr Unterstützung benötige, kann ich gar nicht beschreiben, wie wichtig es für mich ist, meine Assistent*innen selbst auszusuchen. Meine Assistent*innen begleiten mich durch meinen gesamten Tag. Mein gesamtes Leben. Sie erleben mich in meinen besten und schwächsten Momenten. Deswegen ist es unersetzlich, meine eigenen Assistent*innen auszusuchen und jemanden, mit dem ich mich verstehe, an meiner Seite zu haben. 

Diese Selbstbestimmung hat ihren Preis. Ich leite ein Team von mindestens 12 Leuten. Es ist ein richtiges kleines Unternehmen mit allen Rechten und Pflichten, die damit verbunden sind. 

Wenn jemand am überlegen ist, das Persönliche Budget zu beantragen und das Arbeitgebermodell zu organisieren, dem- oder derjenigen würde ich raten, es sich gut zu überlegen. 

Ich glaube das Wichtigste, um das Arbeitgebermodell erfolgreich zu organisieren, ist, dass man psychisch stabil und sehr strukturiert ist. 
Eine Alternative ist auch, dass man beispielsweise doch eine Instanz zwischen sich und den Angestellten hat, die den ganzen Papierkram übernimmt, man sich aber selbst das Personal sucht und dieses dann beim Assistenzdienst anstellen lässt. Dann liegt nicht die gesamte Verantwortung auf den eigenen Schultern. Das Beauftragen eines Assistenzdienst ist auch mit dem Persönlichen Budget möglich.

Das Persönliche Budget und das Arbeitgebermodell ist auf jeden Fall ein riesiger Schritt in die Selbstbestimmung.


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