Ärzte und Ärztinnen bei der Operation | © unsplash

Von der Operation zur Prothese

Das Angebot am Prothetiksektor kann zunächst überwältigend sein. Wie bloß soll man sich in diesem Prothesendschungel als frischbetroffene Person zurechtfinden?

Nach einer Operation hat man erstmals größere Sorgen, als sich durch sämtliche Prothesenangebot zu klicken. Muss man auch nicht. Denn dafür gibt es Fachleute, sogenannte Orthopädietechniker*innen. Meist arbeiten Krankenhäuser mit Standardversorgern zusammen, die automatisch zu den Patient*innen kommen. Sowohl gesetzlich Versicherte als auch privat Versicherte können sich aber von den Orthopädietechniker*innen ihres Vertrauens versorgen lassen.

Bei einer elektiven Amputation, also bei einer Amputation, auf die sich der Patient oder die Patientin vorbereiten kann, ist es in einigen Krankhäusern möglich, dass die Orthopädietechnik bereits bei der Operation anwesend ist. Durch diese enge Vernetzung von Medizin und Technik wird die optimale Prothesenanpassung erleichtert.

Anamnese

Jede Prothesenversorgung beginnt üblicherweise mit einem persönlichen Beratungsgespräch. Hierbei werden alle anwendbaren Möglichkeiten und Abläufe nach dem aktuellen Stand der Technik durchgesprochen und der Aktivitäts- und Mobilitätsgrad der Betroffenen von 0 bis 4 festgestellt. Die einzelnen Passteile der Prothese werden nach dem jeweiligen Mobilitätsgrad bei den Herstellern ausgesucht. Möchte eine Patientin oder ein Patient Passteile aus einer höheren Mobilitätsklasse, müssen diese in der Regel selbst finanzieren werden.

„Um die geeignete Prothese zu finden, bedarf es einer eingehenden Beratung. Es muss geklärt werden, was für den Versicherten wichtig ist“, erklärt der Orthopädietechniker Christian Hartz von der EproTec GmbH in Berlin.

Laut Urteil des Bundessozialgerichts hat jeder Mensch das Recht auf den Ausgleich seiner Behinderung. Allerdings muss eine Prothese funktionelle Vorteile bieten und Patient*innen müssen fähig sein, diese funktionellen Vorteile zu nutzen. Hierfür müssen auch die physiologischen und intellektuellen Voraussetzungen der versicherten Person abgeklärt werden.

Kompressionstherapie

Nach der Operation schwillt das Gewebe am Stumpf normalerweise an. Diese Schwellung (Ödem) ist eine normale Reaktion auf die Operation. Sie kann durch großflächigen Druck vermindert werden.

Mithilfe dieses Drucks auf den Stumpf kann das Stumpfödem reduziert und der Stumpf für die spätere Prothesenversorgung geformt werden. Durch die Kompression des Stumpfs können Betroffene möglichst bald prothetisch versorgt werden und die Prothese ist einfacher anzupassen. Außerdem fördert die Kompression die Durchblutung des Stumpfs. Dadurch entstehen weniger Schmerzen und die Narbe heilt besser.

Bei der Kompressionstherapie werden verschiedene Techniken verwendet: Entweder wird der Stumpf mit elastischen Binden umwickelt, man nutzt Kompressionsstrümpfe oder einen vorgefertigten Silikonverband, den Silikonliner. Im Laufe der Zeit wird der Kompressionsverband über mehrere Stunden angelegt, zum Beispiel auch vor und nach dem Tragen der Interimsprothese.

Interimsprothese

Nach Wundverschluss – etwa zwischen zwei Wochen und drei Monaten – erfolgt die Maßnahme und Fertigung einer Interimsprothese. Die Übergangsprothese wird in der Regel zwischen drei und sechs Monaten getragen. Sie dient dazu, dass sich Betroffene an die Prothese gewöhnen können und der Stumpf seine bleibende Form entwickelt.

„So kann der Schaft nach und nach angepasst und verschiedene Passteile ausprobiert werden“, erklärt der Orthopädietechniker Christian Hartz. „Die Passform der Prothese wird während dieser Test- und Probephase immer wieder durch den Orthopädietechniker optimiert. Dadurch sollte es bei der endgültigen Prothese keine Passformprobleme geben“, sagt Sascha Grebestein, technischer Fachberater bei Otto Bock.

Auf den Schaft kommt es an

„Das Um und Auf einer guten Prothese ist der Schaft! Der Schaft muss passen, das ist das wichtigste Element einer Prothesenversorgung“, weiß Christian Hartz.

Ob der Schaft gut passt, hängt erstens von der Arbeit des Orthopäden oder der Orthopädin ab und zweitens von den physiologischen Voraussetzungen der Patientin oder des Patienten. „Ein 22-jähriger Sportler wird bei einer Beinprothese eine besser Funktionalität erreichen, als ein übergewichtiger 65-Jähriger“, sagt der Orthopädietechniker.

Die endgültige Prothese

„Wenn der Amputierte sagt, das ist meine Prothese, dann ist der Schritt getan, dass er die Prothese akzeptiert hat. Dann ist meist der richtige Zeitpunkt erreicht, die endgültige Prothese anzupassen“, sagt Christian Hartz.

Bei den Armprothesen unterscheidet man zwischen aktiven (funktionellen) und passiven (ästhetischen) Prothesen. Exoskelettale Prothesen der unteren Extremitäten bestehen grundsätzlich aus den gleichen Grundbestandteilen: Schaftsystem, dynamische Passteile (Füße, Kniegelenk) und statische Passteile (Adaptionsteile).

Gewöhnungsphase

Wie lange ein Mensch braucht, um sich an eine Prothese zu gewöhnen, kann laut Aussage von Sascha Grebestein nicht allgemeingültig beantwortet werden: „Es ist immer entscheidend, wie schnell der Patient den Umgang mit der Prothese erlernt. Weiters sind natürlich Faktoren wie Amputationsursache, Erkrankung und Heilungsprozess für die Dauer und den Verlauf des Gewöhnungsprozesses mitverantwortlich.“

„Je mehr Erfahrung ein Patient mit seiner Prothese hat, desto besser ist sein Gefühl für die Prothese und etwaige Fehler“, sagt Christian Hartz.   

Die Betroffene Katharina S. hat aufgrund von Schwierigkeiten mit der Krankenkasse zwar über ein Jahr auf ihre Armprothese warten müssen, hat sich dafür aber sehr schnell an sie gewöhnt. „Ich bin sehr stolz auf meine Prothese“, sagt die junge Frau.

Im Bereich der Armprothetik würde sie sich allerdings Prothesen mit mehr Bewegungsmöglichkeiten im Handgelenk und in den Fingern wünschen.