Eine junge Frau mit dem Down-Syndrom macht Yoga. | © Cliff Booth/pexels

Barrierefreiheit für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen

Was sind für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen eigentlich Barrieren und was bedeutet hierbei Barrierefreiheit? Eine Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten, Bedürfnissen und die Frage nach einem selbstbestimmten Alltag.

Das Spektrum kognitiver Beeinträchtigungen ist, wie bei allen anderen Behinderungsformen, sehr verschieden ausgeprägt: Von Lernstörungen wie einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) bis hin zu ADHS oder Intelligenzminderungen. 

So individuell die Beeinträchtigungen sind, so unterschiedlich ist auch die Antwort auf die Frage nach der Barrierefreiheit. Die allgemeingültige Begriffsdefinition ist hier die vollständige und gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. Darin verankert ist die barrierefreie Gestaltung von Gebäuden, öffentlichen Plätzen, Arbeitsplätzen, der öffentliche Personennahverkehr, Wohnungen, Kommunikation sowie Dienstleistungen etc., sodass diese selbstständig genutzt werden können. 

Diese Bereiche sind für die meisten Menschen mit Behinderungen direkt erfahrbar und werden somit gesellschaftlich sichtbar und relevant – als Forschungsgegenstand sowie politische Handlungsfelder. 

Was ist jedoch, wenn hinter den bereits bekannten Barrieren noch weitere Barrieren versteckt sind? 

Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung – das unbekannte Wesen

Laut Statistischem Bundesamt lebten in Deutschland Ende 2021 circa 1.092.000 Menschen mit psychischen beziehungsweise kognitiven Beeinträchtigungen. Wenn man die Gruppe der nicht zugewiesenen Behinderungen außer Acht lässt, ist die Gruppe der psychischen sowie kognitiven Beeinträchtigungen die zweitgrößte in Deutschland. 

Ein Kreisdiagramm zeigt die Verteilung aller Behinderungsarten in Deutschland 2021. | © EnableMe

Unter allen Behinderungsarten in Deutschland kommen mentale sowie kognitive Beeinträchtigungen am dritthäufigsten vor (Grafik: EnableMe).

Die Pilotstudie von Hendrik Trescher „Kognitive Beeinträchtigung und Barrierefreiheit“, die 2018 über den Julius Klinkhardt Verlag erstmals erschienen ist und auf der pedocs Plattform des Leibnitz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, macht eines deutlich: Der Alltag, die Bedürfnisse sowie Wünsche von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind eher unbekannt; in der Forschung bisher seltenener beleuchtet worden und sich Begriffe wie „Barriere“ und „Barrierefreiheit“ zu sehr an rechtliche Definitionen oder die UN-Konvention anlehnten. 

„Barrierefreiheit kann auch bedeuten, Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung mehr Gehör zu schenken und diese zum Ausgangspunkt von Betreuungspraxen zu machen“
Auszug aus der Studie „Kognitive Beeinträchtigung und Barrierefreiheit“

Doch wie können sie Gehör finden, wenn es für wichtige Themen wie beispielsweise Wohnen, Arbeit, Mobilität, Sexualität oder Teilhabe-Planungen kaum bis gar keine Erkenntnisstände gibt – die Realität von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen gar nicht abgebildet werden kann?

Eine Recherche-Übersicht über die Forschung von kognitiver Beeinträchtigung in Bezug auf Barrierefreiheit. | © EnableMe

Es wird kaum zu kognitiver Beeinträchtigung in Bezug auf Barrierefreiheit geforscht (Bild: EnableMe).

Die Barrieren von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen

Neben einer großangelegten Recherche gab es auch eine Reihe von Interviews mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Diese gaben wichtige Einblicke in ihre jeweiligen Lebensrealitäten und machten auch deutlich, dass hinter den bekannten Barrieren noch weit wirkmächtigere Barrieren liegen, die in einem komplexen Geflecht starke Auswirkungen auf einen selbstbestimmten Alltag haben.

Im Folgenden werden die versteckten Barrieren beleuchtet, welche eine vollständige Teilhabe innerhalb der Gesellschaft erschweren.

Bezugspersonen und direktes Umfeld

Viele Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung sind auf die Unterstützung von außen angewiesen. Je nach Wohnform – Elternhaus oder betreutes Wohnen – grenzt sich der Kreis auf Eltern oder Betreuer*innen ein. Diese können sowohl als Stellvertreter*innen und/oder Hilfspersonen fungieren, die den Alltag managen – vom Einkauf über bürokratische Angelegenheiten, bis hin zu Freizeit- und Lebensgestaltungen.

Ein wichtiger Punkt ist hierbei vor allem auch eine verständnisorientierte Vermittlung von Wissen und Informationen, die es für die jeweilige Person ermöglicht, Entscheidungen zu treffen beziehungsweise aus den vorhandenen Handlungsoptionen die für sich passende zu wählen.

Eine junge Frau sitzt eingezwängt in einem Käfig. | © EnableMe

Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind häufig von Isolation und Abhängigkeiten betroffen (Illustration: EnableMe).

Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Bezugspersonen von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen einen hohen Grad an Verantwortung haben, der mit einer machtvollen Position einhergeht. Solch eine Machtstruktur kann dazu führen, dass sich Fürsorge und Schutz in Barrieren verkehren, die einen freien Gestaltungsspielraum der Betroffenen behindern.

Innerhalb der Studie berichtete zum Beispiel eine interviewte Person, dass seine Eltern ihm den Zugang zum Internet verweigern, da es nicht sicher sei – eine andere Person berichtete davon, dass sein Betreuer meine, er würde im Internet übers Ohr gehauen werden. Beiden Personen wird durch diese Schutzmechanismen der Zugang zu Informationen und Angeboten vorenthalten.

Es zeigte sich auch, dass die Vereinnahmung des direkten Umfelds sowie mangelnde Zugänge zur Freizeitgestaltung und fehlende finanzielle Mittel das Führen von Sozialkontakten erschweren. Dies hat insofern Auswirkungen auf die Barrierefreiheit, als dass durch Rückzüge aus dem Sozialraum und sozialem Ausschluss Erfahrungen über die Lebenspraxen innerhalb der Gesellschaft verloren gehen – und letztlich Abhängigkeitsverhältnisse verstärkt werden.

Wissen und Kommunikation

Gerade das Internet bietet für die meisten Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen einen wichtigen Zugang zu Teilhabemöglichkeiten. Doch dafür muss auch sichergestellt sein, dass Websites, Dienstleistungen und benötigte Informationen in Leichter Sprache zugänglich sind. Leichte Sprache erscheint in jeglicher Hinsicht das Mittel zu sein, dass den Alltag von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung barriereärmer gestalten könnte. 

Aber in Sachen Leichte Sprache gibt es eine weitere wichtige Voraussetzung: Die Person muss die Informationen lesen können. In den geführten Interviews wurde dies von einigen als Herausforderung angegeben sowie der Wunsch geäußert nach alternativen Kommunikationsformen bei zum Beispiel (Amts-)Briefen, E-Mails, Angeboten im Internet oder im Bereich Social Media. Aber auch bei Nachrichtensendungen, Speisekarten, Mietverträgen, Hausordnungen, der Gestaltung von Beschilderungen innerhalb der Stadt, Fahrplänen etc.

Generell lässt sich dieses Bedürfnis inklusiv denken: Denn nicht nur Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen würden von diesen alternativen Kommunikationsformen profitieren, sondern gut 6,2 Millionen erwerbsfähige Menschen in Deutschland, die gar nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können. Dies ermittelte die Universität Hamburg in ihrer LEO-Studie 2018.

Ein letzter überaus wichtiger Punkt in diesem Feld bezieht sich auf die Wissensvermittlung im Allgemeinen: Was ich nicht weiß, kann ich auch nicht nutzen. Selbst, wenn es durch Leichte Sprache die Möglichkeit gäbe. Hier können sowohl die fehlenden Sozialkontakte, als auch die Machtstruktur innerhalb der Beziehungen mit den Bezugspersonen eine Rolle spielen. 

Sinnvolle Tätigkeiten und der 1. Arbeitsmarkt

Euromünzen fallen auf einen Tisch. | © Pexels

Ausreichend finanzielle Mittel sind ein unabdingbarer Bestandteil für Barrierefreiheit und Teilhabe. (Foto: pexels)

Arbeit ist essentiell für (soziale) Teilhabe und ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben. Durchschnittlich verdienten Beschäftigte in Werkstätten für Menschen mit Behinderung 2019 rund 220 Euro monatlich – der Jahresbericht der Bundesgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) gab an, dass 75 Prozent aller Beschäftigten Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen seien. Darüber hinaus gilt nach wie vor: Nur 1 Prozent der Menschen, die in solchen Werkstätten arbeiten schaffen den Sprung auf den 1. Arbeitsmarkt.

Kritikpunkte der Interviewten sind vor allem scheiternde oder auch nicht erfolgte Vermittlungsbemühungen oder mangelnde Zugänge zu Informationsangeboten sowie fehlendes Wissen über Unterstützungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Assistenz. Zusätzlich scheinen die verrichteten Tätigkeiten in exklusiven Arbeitsbereichen nicht den Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt zu entsprechen, wodurch letztlich Chancen zu Barrieren werden.

Finanzielle Mittel und Teilhabe

Wie bereits in Punkt 3 angesprochen, sind die finanziellen Mittel essentiell um Barrieren abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Dies beginnt bereits beim Einkauf von alltäglichen Lebensmitteln. Hier berichtete eine Frau aus den Interviews, dass ihr nur 40 Euro pro Woche zur Verfügung stünden und kleine Extras wie Süßigkeiten zu einer Luxusausgabe würden. Ein junger Mann berichtete, dass er sich gewisse Spiele nur leisten könne, weil seine Eltern es finanzierten. Wodurch wiederum Abhängigkeitsverhältnisse entstehen, die in Punkt 1 benannt wurden.

Die individuelle Freizeitgestaltung, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Zeitschriften, Bücher oder des Internets werden damit unmöglich – somit auch Zugänge zu Informationen und Angeboten. 

Alternative Wohnmöglichkeiten

Der Wunsch nach alternativen Wohnmöglichkeiten sowie alleine zu wohnen ist groß. Doch ist der Weg zu einer eigenen Mietwohnung mit vielen Herausforderungen gepflastert, die sich teils auch als unüberwindbare Barrieren herausstellen können. Viele von diesen Barrieren sind in den Punkten 1 bis 4 bereits beschrieben. Hierbei wirken vor allem die Fürsorge-Strukturen und fehlende Mietverträge, Hausordnungen in Leichter Sprache sowie das fehlende Wissen über Unterstützungsmöglichkeiten als starke Hemmnisse, ein eigenständig geführtes Leben zu gestalten.

Daraus resultieren letztlich auch Erfahrungswerte, die Unsicherheiten und Ängste verstärken. Daher ist es umso wichtiger, die Bedürfnisse und Wünsche von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören und sie durch Hilfe-zur-Selbsthilfe-Maßnahmen zu einem selbstständigen Leben zu ermächtigen. 


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