Ein Kind, das von seinen Hausaufgaben aufschaut | © pixabay

Lernstörungen – Kinder mit Legasthenie und Dyskalkulie

Laut des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformationen liegt bei über zehn Prozent der Kinder in Deutschland eine Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten vor. Die bekanntesten und weitverbreitesten Formen der sogenannten Lernstörungen sind Legasthenie und Dyskalkulie.

Laut des Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. sind vor allem folgende Schwächen bei Menschen mit Legasthenie während des Lesens und Schreibens beobachtbar:

  • Auslassen, Ersetzen oder Hinzufügen von Worten oder Wortteilen
  • niedrige Lesegeschwindigkeit
  • Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text
  • Vertauschung von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern
  • Ersetzen von Wörtern durch ein in der Bedeutung ähnliches Wort
  • Unfähigkeit, Gelesenes zu wiederholen
  • Unfähigkeit, aus dem Gelesenen Zusammenhänge zu erkennen und Schlussfolgerungen zu ziehen
  • Schwierigkeiten beim Schreiben von Buchstaben, Wörtern und Sätzen
  • hohe Fehlerzahl bei ungeübten Diktaten
  • hohe Fehlerzahl beim Abschreiben von Texten
  • Grammatik- und Interpunktionsfehler
  • häufig unleserliche Handschrift

Während bei Legasthenie der Erwerb von Kompetenzen in den Bereichen Lesen und Rechtschreibung erschwert ist, sind bei der Dyskalkulie die mathematischen Fertigkeiten betroffen.

Kinder mit Dyskalkulie, auch Rechenschwäche genannt, haben oft Probleme bei der Einschätzung von Zahlenmengen. Dies macht sich meist schon bei dem Erlernen der Grundrechenarten bemerkbar.

Neben der bereits erwähnten Symptome, können Eltern auch auf andere Verhaltensweisen achten. So kann beispielsweise auch eine generelle Schul- beziehungsweise Prüfungsangst aus Legasthenie resultieren, da sich diese Lernstörung nicht nur auf sprachwissenschaftliche Fächer auswirkt, sondern auf alle Schulleistungen, die schriftlich abzulegen sind.
Nicht selten reagieren betroffene Kinder auf die Probleme, die eine Lernstörung mit sich bringt, mit sozialem Rückzug oder aggressivem Verhalten.

Ein Abakus mit bunten Holzperlen in mehreren Reihen | © pixabay

Insbesondere das Rechnen fällt Kindern mit Dyskalkulie häufig schwer (Foto: pixabay).

Unterscheidung zwischen Lernstörung und Lernschwäche

Nach ICD-10 sind Lernstörungen von Lernschwächen zu unterscheiden. Des Weiteren wird nach ICD-11 neuerdings auch die isolierte Lesestörung von der Lese- und Rechtschreibstörung abgegrenzt. Dabei sollen all die Menschen berücksichtigt werden, die ausschließlich Probleme während des Lesens aufweisen.

Oft haben betroffene Kinder große Schwierigkeiten in der Schule und erbringen nicht die geforderten Leistungen. Auch wenn dies meist fälschlicherweise angenommen wird, sind nicht verminderte Intelligenz oder fehlende schulische Förderung ursächlich für Lernstörungen. Tatsächlich finden sich diese Vorurteile in der offiziellen Definition der Weltgesundheitsorganisation als Ausschlusskriterien wieder:

„Diese Störung bezeichnet eine Beeinträchtigung [...], die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist.“
offizielle Definition nach ICD-10 der WHO

Eine eindeutige Ursache für Lernstörungen wurde noch nicht gefunden. Es wird aber davon ausgegangen, dass die Gründe vielfältig sein können, da der Lernprozess an sich sehr komplex ist und aus mehreren kognitiven Prozessen besteht.

Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Kinder mit einer festgestellten Lernstörung mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch andere diagnostizierbare kognitive Auffälligkeiten aufweisen, wie zum Beispiel ADHS.

Junge, auf eine Hand gestützt, der an seinen Hausaufgaben sitzt | © pixabay

Insbesondere das Erledigen von Hausaufgaben kann sowohl für betroffene Kinder als auch für die Eltern eine Herausforderung darstellen (Foto: pixabay).

Medizinische Diagnose für angemessene Förderung

Bei dem Verdacht auf das Vorliegen einer Lernstörung, sollten Eltern dies unbedingt abklären, damit ihr Kind schnellstmöglich die notwendigen Fördermaßnahmen und Nachteilsausgleiche erhält. Es wird empfohlen, sich bereits im Vorfeld mit der Schule des Kindes und dessen Lehrkräfte abzustimmen.

Die medizinische Diagnose erfolgt durch ärztliches Fachpersonal für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder von Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen. Auch wenn die kognitiven Differenzen selbst nicht behandelt werden können, sollte ein individueller Therapieplan aufgestellt werden, welcher direkt an den jeweiligen Lernschwierigkeiten ansetzt. Hierbei spielen die Eltern eine wichtige Rolle nicht nur bei der Förderung ihres Kindes, sondern auch als mentaler Rückhalt.

Erhöhter psychosozialer Druck in der Schule

Die Diagnose kann zwar die gesamte Familie vor neue Herausforderungen stellen, bringt allerdings auch Klarheit und neue Möglichkeiten. Dies sollte auch dem betroffenen Kind vermittelt werden. Transparenz im Umgang mit der Lernstörung ist sehr wichtig. Allerdings sollte sie nicht das gesamte Familienleben einnehmen und das Kind ausschließlich darauf reduziert werden. Selbst bei einer möglichen Versetzungsgefährdung sollten stets Verständnis und Geduld an der Tagesordnung stehen statt Bestrafung und psychischer Druck.

Denn oft werden betroffene Kinder bereits in der Schule mit negativen Reaktionen konfrontiert. In der PuLs-Studie des Duden Institute für Lerntherapie geht hervor, dass mehr als jedes vierte Kind mit einer Lernstörung oder Lernschwäche von Mobbing betroffen ist. Fast 70 Prozent der Proband*innen gaben außerdem an, unter einer Form von psychosozialem Druck zu stehen. Auch dies sollte unter Einbezug therapeutischen Fachpersonals thematisiert werden. 

Ein Mädchen sitzt an einem Schulpult und sieht aus dem Fenster | © pixabay

Kinder mit Lernstörungen stehen häufig schon im schulischen Umfeld unter enormen Druck; deshalb ist Unterstützung durch das Elternhaus umso wichtiger (Foto: pixabay).

Anderssein als Möglichkeit und Karriereplus

Am wichtigsten ist es, die Lernstörung nicht nur als solche zu sehen: als Störung, welche ausschließlich Nachteile mit sich bringt. Man sollte dem betroffenen Kind klarmachen, dass nichts falsch oder defizitär an ihm ist. Manche der kognitiven Prozesse laufen anders ab als bei anderen Menschen. Und das ist nicht nur in Ordnung so, sondern kann unter Umständen sogar vorteilhaft sein. So fand eine Studie heraus, dass Betroffene etwa doppelt so häufig Unternehmen gründen – und das sogar ziemlich erfolgreich. Dies wird darauf zurückgeführt, dass sich Menschen mit Lernstörungen im Laufe des Lebens bestimmte Schlüsselkompetenzen angeeignet haben: Kommunikation, Problemlösefähigkeit und Delegierung von Aufgaben.

Aber auch in anderen Bereichen gibt es berühmte Vertreter*innen: so waren beziehungsweise sind auch Albert Einstein, Agatha Christie, Johann Wolfgang von Goethe, Michael Jackson und Keira Knightley von Lernstörungen betroffen.


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