Eine Frau hält ein Buch vor ihr Gesicht | © unsplash

Studieren mit einer Behinderung

Für junge Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen kann ein Studium mehr als nur eine Herausforderung werden. Jedoch gibt es einige Möglichkeiten, Hürden zu minimieren und so das Maximale aus der Studienzeit herauszuholen.

In Deutschland studieren rund 11 Prozent mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung oder einer chronischen Erkrankung. Im Vergleich zu 2013 ein Anstieg um drei Prozent. Die Zielsetzung der Universitäten nach Barrierefreiheit hat in dieser Hinsicht schon einiges bewirkt – speziell was die baulichen Hürden betrifft.

Dennoch zeigt die best2-Studie des Deutschen Studentenwerkes (DSW) auch, dass gerade in Umgang und Sichtbarkeit von Behinderungen noch einige Barrieren im Kopf existieren. Sowohl bei Studierenden mit Beeinträchtigungen, bei Mitstudierenden und Lehrende.

Alle sollen studieren können

Hochschulen haben laut Hochschulrahmengesetz (Paragraph 2, Absatz 4) und gemäß der Landeshochschulgesetze die Pflicht, sich um die Belange von Studierenden zu kümmern und dafür Sorge zu tragen, dass Studierende mit Behinderungen in ihrem Studium nicht benachteiligt werden und die Angebote der Hochschule möglichst ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen können. Prüfungsordnungen müssen die besonderen Belange von Student*innen mit Behinderung berücksichtigen.

„Das Leitmotiv in der Behindertenpolitik heißt Teilhabe statt Fürsorge. Unser Ziel ist eine Hochschule für Alle, in der Studierende mit Behinderung wie alle anderen Studierendengruppen ihre spezifischen Erfahrungen, Motivationen und Begabungen gleichberechtigt einbringen können“, sagt Christine Fromme, Referentin in der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks in Berlin. 

«Es geht nicht mehr um die Frage, ob ein Studium mit Behinderung machbar ist. Sondern darum, wie die individuell notwendigen Unterstützungen und Nachteilsausgleiche ausgestaltet werden müssen, um chancengleich studieren zu können.»
Christine Fromme

Gut zu wissen vor Studienbeginn

An vielen Hochschulen Deutschlands gibt es eine Anlaufstelle für Studieninteressierte mit Behinderung. Das sind zumeist die Beauftragten für die Belange von Studierenden mit Behinderung oder chronischer Erkrankung Hochschulen oder der örtlichen Studentenwerke. Manchmal gibt es außerdem studentische Interessenvertretungen für Studierende mit Behinderungen. 

Idealerweise nimmt man schon im Vorfeld der Bewerbung Kontakt zu diesen Beratungsstellen auf. „Am besten sieht man sich die Situation vor Ort an und prüft, wie die Studienbedingungen an der Wunsch-Uni und am Hochschulort sind, welche Barrieren man kompensieren muss und welche individuellen Unterstützungsangebote es gibt “, rät Christine Fromme. Wenn man sich zeitnah meldet, können Lehrveranstaltungsräume getauscht und eventuell nötige bauliche Nachrüstungen vorgenommen werden.

Nachteilsausgleiche vor und während des Studiums

Nachteilsausgleiche können im Zusammenhang mit der Studienplatzvergabe, bei der Gestaltung des Studienablaufs und bei Prüfungen nötig werden. Durch sie sollen behinderungsbedingte Benachteiligungen kompensiert und eine chancengerechte Teilhabe gesichert werden. 

Wesentlich ist, den Nachteilsausgleich rechtzeitig zu beantragen. „Jeder Nachteilsausgleich ist auf die persönliche Situation abgestimmt und wird individuell mit jedem Studenten vereinbart“, erklärt Christoph Piesbergen, Beauftragter für die Belange von Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen an der Ludwig-Maximilian-Universität München. 

„Mitstudenten verstehen diesen Nachteilsausgleich leider oft als Bevorzugung. Dies ist nicht der Fall. Studenten mit Behinderung müssen genau die gleichen Leistungen erbringen wie Studenten ohne Behinderung“, sagt Christoph Piesbergen. 

Für die Beantragung eines Nachteilsausgleichs ist ein Behindertenausweis von Vorteil. Jedoch reicht auch ein ärztliches Attest als Nachweis für die Behinderung aus.

Die Barrieren im Kopf

Der Nachteilsausgleich kann bei Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen bei der Platzvergabe ein hilfreiches Mittel sein, um das jeweilige Wunschfach studieren zu können. Im Studienalltag sieht das allerdings anders aus. Hier gaben bei der best2-Studie drei Viertel der Studierenden an, dass die Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs hilfreich sind, aber nicht genutzt werden. Dabei spielen mehrere Gründe eine Rolle: Einige verfügen über zu wenig Wissen über ihre Rechte, viele haben Angst vor Ablehnung und Stigmatisierung und es gibt auch einige Studierende die schlechte Erfahrungen bei der Offenlegung ihrer Behinderung gemacht hatten.

Dies hängt unter anderem auch damit zusammen, dass ca. 73 Prozent der Beeinträchtigungen nicht sichtbar sind, da es sich um psychische oder chronisch-somatische Erkrankungen handelt. Laut der Selbsteinschätzung der Befragten meinen diese, dass nur vier Prozent der Außenstehenden die Behinderung auf Anhieb wahrnehmen. Was im Umkehrschluss zu der Annahme einer „Sonderbehandlung“ bei den Betroffenen führt. Ein Kreislauf.

Studierende feiern ihren Abschluss | © unsplash

Ziel der Universitäten: ein erfolgreiches inklusives Studium ermöglichen (Foto: unsplash).

Kommunikation als Schlüssel

Damit die Ängste vor Ablehnung oder Stigmata auf der einen Seite abgebaut, sowie mehr Verständnis mit entsprechenden Hilfen entwickelt werden können, braucht es an den Hochschulen vorab zu Studienbeginn gezieltere Informationsveranstaltungen für Erstsemester, bei denen der Nachteilsausgleich ein wichtiges Thema ist. Zusätzlich sollte darauf geachtet werden, inwiefern die Nachteilsausgleiche bei den individuellen Bedürfnissen helfen und Behinderungen tatsächlich ausgleichen.

Die Hochschulen sind auf einem guten Weg und nehmen ihren Auftrag in Bezug auf ein chancengleiches Studium ernst. Es gibt aber noch viel zu tun, Barrieren weiter abzubauen. Damit in Zukunft aus einem Recht auf ein Studium auch ein vollständig inklusives Studium wird.

Alternative Fernstudium

Für Studieninteressierte mit Behinderung kann auch ein Fernstudium zu einer attraktiven Möglichkeit werden, das gewünschte Fach zu studieren. Dies bietet den Vorteil, barrierefrei von zuhause aus nach den eigenen individuellen Bedürfnissen Module, Pensum und Leistungsphasen selbst gestalten und strukturieren zu können. 

Der Wunsch zu studieren sollte für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen heute kein Hindernis mehr darstellen. Denn sowohl Menschen mit Behinderungen als auch ohne können voneinander lernen und profitieren.