Ein Mann steht vor einem Whiteboard mit technischen Skizzen und schaut es sich an | © Christina Morillo / pexels

Spezialist*innen fürs Detail – Mitarbeitende mit Autismus

Die dänische Personalvermittlung und Zeitarbeitsfirma Specialisterne vermittelt Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung für Jobs, die besondere Konzentration und Genauigkeit verlangen.

Spätestens seit den großen Hollywoodfilmen Rain Man und The Mercury Puzzle wissen die meisten Leute um die besondere Begabung von Menschen mit Autismus. Auch der Däne Thorkil Sonne hat dieses Potential erkannt und 2004 Specialisterne gegründet, als weltweit erste Firma, deren Business-Modell auf der Anstellung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung basiert.

Die Firma hat bereits mehrere Preise für ihr Modell gewonnen und fungiert zudem als Case Study der Harvard Business School.

Eine Zeichnung als Auslöser

Angefangen hat alles damit, dass bei Sonnes Sohn Lars frühkindlicher Autismus diagnostiziert wurde. Als Lars ihm jedoch im Alter von sechs Jahren eine detailgetreue Zeichnung von einer Übersichtsseite aus einem Atlas samt Seitenangaben zeigte, die er nur kurz angesehen hatte, erkannte Sonne, „dass Autismus mehr sein muss als eine Behinderung“.

Mit diesem Hintergedanken und der Motivation, seinem Sohn einmal die Möglichkeit zu geben, einen anständig bezahlten Job und Selbständigkeit zu ermöglichen, nahm er einen Kredit auf sein Haus auf und startete Specialsterne, ohne Erfahrung wie ein Unternehmen überhaupt geführt wird. Das Risiko hat sich gelohnt: Inzwischen wurden bereits über 170 Arbeitnehmer*innen mit Autismus-Spektrum erfolgreich vermittelt.

Unnötiges Jobprofil

Menschen mit autistischen Merkmalen haben häufig Mühe mit sozialer Interaktion, Teamfähigkeit und Flexibilität. Dies sind aber heute bei den meisten Arbeitsstellen Voraussetzungen. Trotzdem gibt es viele Arbeiten, bei denen diese Soft Skills eigentlich überflüssig sind und mehr die typischen besonderen Begabungen von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung gefragt sind. Repetitive Arbeiten und Kontrollen von endlosen Zahlenreihen sind für viele „normale“ Angestellte nur eine lästige Pflicht. Die Motivation verliert sich und schnell schleichen sich (meist sehr teure) Fehler ein. 

Ein Mensch mit Autismus-Spektrum-Störung arbeitet aber auch nach dem zehnten Durchgang noch mit voller Konzentration. Statt nur einen Angestellten oder eine Angestellte zu suchen, der oder die sämtliche positiven Soft und Hard Skills mitbringt, diese aber in dem Job gar nicht alle braucht, legt Thorkil Sonne den Fokus auf die Inselbegabungen seiner Leute. Er sieht in ihnen hochbegabte Spezialisten – wie sie in der Firma auch genannt werden (dän: specialister).

Pausen sind erforderlich

Die ungewöhnlich hohe Konzentrationsfähigkeit von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung kann auch zum Problem werden. Nämlich dann, wenn die Betroffenen Reize nicht ausblenden können und alles gleichzeitig wahrnehmen. Diese Reizüberflutung ist sehr anstrengend. Daher ist eine ruhige und ablenkungsfreie Arbeitsumgebung sehr wichtig. „In 25 Stunden verbrauchen Autisten so viel Energie wie andere in 40“, erklärt Thorkil Sonne. Die Leute von Specialisterne haben deshalb üblicherweise einen freien Tag mehr pro Woche, um sich wieder regenerieren zu können.

Persönliche Freude

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung sind jedoch nicht völlig sozial unbegabt. Wichtig ist ein stabiles, konstantes Umfeld, in dem sie sich sicher bewegen können. „Wenn sie sich geborgen fühlen, sind Autisten sehr sozial“, berichtigt Sonne. Einige seiner Mitarbeiter*innen hätten sich untereinander angefreundet und gehen regelmäßig zusammen ins Kino oder zum Bowlen. Dies zähle er zu den schönsten Erfolgen seiner Arbeit, erzählt Sonne. 

Kein geschützter Raum

Specialisterne ist keine geschützte Werkstatt, sondern ein Betrieb mit hoch qualifizierten Spezialist*innen. Deshalb können auch nicht alle Bewerber*innen vermittelt werden. In einer fünfmonatigen Eignungsphase müssen sie zeigen, was sie können. In diesem Assessment wird ein individuelles Profil der Bewerber*innen erstellt, das die persönlichen, umgebungstechnischen und beruflichen Fähigkeiten und Bedürfnisse enthält. „Wir müssen überzeugt sein, dass unsere Bewerber den Anforderungen genügen, die unsere Kunden stellen.“ Dazu gehört auch Arbeitsdisziplin, früh aufstehen und Einhaltung der Arbeitszeiten. Zwei von drei Bewerber*innen werden schließlich angenommen. 

Obwohl sie meist Teilzeit arbeiten, bekommen die Spezialist*innen einen normalen, ihrer Tätigkeit entsprechenden Lohn. Sonnes Ansichten sind da ganz klar: „Menschen mit Diagnosen im Autismus-Spektrum haben besondere Fähigkeiten. Die kann man nutzen und dafür sollen sie entsprechend entlohnt werden.“

Eine Million Jobs

„Wir können eine Welt erschaffen, die frei von Barrieren, Stereotypen und Diskriminierung ist!“, prophezeit der Gründer. Geplant sind rund eine Million Jobs weltweit, deshalb wagt Sonne nun auch den Sprung ins Ausland, namentlich Glasgow, Reykjavik, Zürich und Tokio. 

Noch gibt es wenige Firmen im Stil von Specialisterne, aber es gibt sie: In der Schweiz ist es die Agentur twofold, in den Niederlanden Autest, in Schweden Left is Right. In Deutschland gibt es seit 2013 einen Ableger.

Damit auch andere Firmen das Konzept übernehmen können, wurde die Stiftung Specialist People Foundation ins Leben gerufen. Diese unterstützt und schult ausländische Interessent*innen im Umgang mit Autismus und wie die Fähigkeiten optimal und fair genutzt werden können. 

„Wir glauben, dass jeder dazu beitragen kann, wichtige Aufgaben im Arbeitsmarkt zu lösen.“