ein Mann mit Fragezeichen im Gesicht

Aphasie – Verlust der Sprache

Die Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Mit ihr erhalten wir direkten Zugang zu unseren Mitmenschen und sie ist in jedem Leben von zentraler Bedeutung. Der plötzliche Sprachverlust (Aphasie) kann das familiäre, soziale und berufliche Leben stark verändern.

Die junge Ärztin Helga Weber genoss das Leben in vollen Zügen. Sie liebte ihren Beruf, war nebenbei begeisterte Leichtathletin und reiste gerne in ferne Länder. Als sie plötzlich erkrankte schien dies zunächst undenkbar.

Eines Morgens verliert Helga Weber in ihrer Wohnung das Gleichgewicht und fällt mehrmals um. Ihre rechte Körperhälfte ist benommen. Als sie den Rettungsdienst anruft, versagt der jungen Frau die Stimme. Nur einen einzigen Laut bringt sie hervor. Im Krankenhaus erfährt Helga Weber die Diagnose: Sie ist von einer Aphasie als Folge eines Schlaganfalls betroffen.

Schädigung der Hirnhälfte

Helga Weber ist kein Einzelfall. In Deutschland sind jedes Jahr über 200.000 Menschen Betroffene eines Schlaganfalls und davon haben 35 Prozent zu Beginn eine Aphasie. Unter dem Fachwort Aphasie wird allgemein der komplette oder auch teilweise Verlust von Sprache verstanden. Die Sprachstörung tritt nach einer Schädigung der sprachdominanten Hirnhälfte auf.

Die häufigste Ursache für eine Aphasie ist der Schlaganfall. Weitere Ursachen sind Schädelhirnverletzungen nach einem Unfall, Hirntumore oder entzündliche Prozesse im Gehirn wie beispielsweise eine Hirnhautentzündung. „Es können dann Störungen der sprachlichen Modalitäten entstehen“, so Dr. Andreas Winnecken vom Aphasie-Zentrum Josef Bergmann in Vechta Langförden, „insbesondere beim Sprechen, Lesen, Schreiben, aber auch bei der Verarbeitung von Sprache.“

Nahaufnahme von Händen, die eine Zeitung halten

Oft fühlen sich Aphasie-Betroffene ausgegrenzt, wenn sie Zeitung und Bücher nicht mehr lesen können (Foto: pixabay).

Symptome

Dabei wird zwischen verschiedenen Schweregraden unterschieden: „Eine leichte Aphasie führt beispielsweise zu Schwierigkeiten bei der Wortfindung, bei einer mittelschweren Form sprechen die Betroffenen nur in Ein- und Zwei-Wort-Sätzen und eine schwere Aphasie führt dagegen zu einer Beeinträchtigung aller sprachlicher Modalitäten und linguistischen Ebenen“, erklärt Winnecken. Letzteres bedeutet, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, sich überhaupt verbal zu äußern und Sprache zu verstehen.

Aphasien können sich teilweise zurückbilden, weil die Hirnzellen in der Nachbarschaft der – durch beispielsweise einen Schlaganfall - zerstörten Zellen die sprachliche Funktion übernehmen können. Ob und inwieweit sich Patient*innen von der Aphasie erholen hängt auch von der Größe der Hirnverletzung ab.

„Weil die Kommunikation stark eingeschränkt ist, ist soziale Ausgrenzung oft die Folge“, erklärt Winnecken. Eine angeregte Diskussion zu verfolgen kann zum Beispiel zur Unmöglichkeit werden. Auch wenn Betroffene die Zeitung oder Bücher nicht mehr lesen können, gibt es weniger intellektuelle Anreize oder Gesprächsthemen. „Es gibt leider keine greifenden Konzepte zur sozialen Integration“, so Winnecken weiter, „und hinzu kommen kaum bis keine beruflichen Perspektiven.“ 

Leben mit Aphasie

„Die Chance, dass ein Aphasie-Betroffener wieder vollständig gesund wird, hängt von der Schwere des Schlaganfalls ab“, sagt Winnecken. „In der Regel bleiben etwa 60 Prozent der Aphasiker ein halbes Jahr nach dem Ereignis chronisch krank". Oftmals kann eine Aphasie Betroffene jahrelang oder lebenslang beschäftigen. Umso wichtiger ist daher eine umfangreiche Therapie, aber auch die Akzeptanz der Erkrankung als solche.

In jedem Fall sollte in der Behandlung schon in der Akutphase, eine gezielte Sprachtherapie eingebunden werden. Die Therapie soll die Verbesserung der sprachlichen Funktionen, die Förderung der Kommunikation sowie die aktive Teilnahme am sozialen Leben wieder ermöglichen. In der Regel beginnt die Sprachtherapie in Spezialstationen für Schlaganfallpatient*innen und wird in Anschlussheilbehandlungen in neurologisch ausgerichteten Rehabilitationszentren – entweder stationär oder ambulant – fortgesetzt, so Winnecken. Anschließend kann eine ambulante Therapie in häuslicher Umgebung, gekoppelt mit stationären Intervalltherapien, durchgeführt werden.

Veränderungen im sozialen Umfeld

Menschen mit Aphasie haben durch die Krankheit, vor allem wenn sie wieder in ihrer häuslichen Umgebung sind, oft Schwierigkeiten, sich in ihrem Leben wieder zurechtzufinden. „Mit einer hirnorganischen Erkrankung in Verbindung mit Aphasie kommt es bei den Betroffenen vielmals zu großen Veränderungen im sozialen Umfeld“, sagt Winnecken. Viele Betroffene ziehen sich von Freunden zurück und in der Familie können Spannungen entstehen.

Missverständnisse und missglückte oder abgebrochene Kommunikationsversuche führen zu Frustrationen auf beiden Seiten. „Hier ist es ganz wichtig, sich fachkompetent beraten zu lassen oder mit Hilfe externer Unterstützung die durch die Erkrankung veränderte soziale Situation zu meistern", sagt Winnecken. Selbsthilfegruppen können Betroffenen zudem helfen, Probleme aus eigener Kraft oder gemeinsam mit anderen Betroffenen zu lösen.

Positive Energien entwickeln

Bei Helga Weber war die langjährige Sprachtherapie sehr erfolgreich. Nach einem Jahr intensiver stationärer und ambulanter Sprachtherapie kamen die ersten Worte wieder. Helga Weber kämpfte weiter. Oft war sie dabei verzweifelt, aber trotzdem: Sie lernte langsam wieder, mit Hilfe therapeutischer Unterstützung, die in ihr stark verwurzelten positiven Energien für sich zu nutzen.

Heute schließt Helga Weber neue Freundschaften, fühlt sich angenommen und geht, trotzt anhaltender Probleme mit der Wortfindung, spontan auf ihre Mitmenschen zu. Sie hat ihr Leben wieder selbst in die Hand genommen und entwickelte wieder eine positive Einstellung zum Leben.