Computertastatur mit Eingabetaste "Jetzt bewerben" | © pixabay

Anleitung zur falschen Bewerbungsstrategie

Menschen mit Behinderung sind im Bewerbungsprozess keine Exoten mehr. Dabei müssen sie genauso mit Wissen, Sympathie und positiver Einstellung überzeugen wie Menschen ohne Behinderungen. Ein Erfahrungsbericht von Matthias, Konstanze und Franziska.

Matthias, Konstanze und Franziska – sie alle eint eine Geschichte: Gut ausgebildet, aber trotzdem arbeitssuchend. Welche Rolle dabei ihre Behinderungen spielen, hängt dabei sowohl von der passenden Berufswahl ab als auch der Fähigkeit, die eigenen Qualifikationen vorteilhaft zu präsentieren.

Mit einem Kommentar von Michael Graus, Koordinator für die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung beim bfz Augsburg.

Auf der Suche nach einem Job

Matthias ist Sozialpädagoge. Nach seiner kaufmännischen Schulausbildung hat er sich zu einer Ausbildung zum Sozialpädagogen entschieden.Der junge Mann hat eine Cerebralparese und sitzt im Rollstuhl. Seine Ausbildung zum Sozialpädagogen hat er vor zwei Jahren abgeschlossen. Seitdem ist Matthias auf Jobsuche. „Mehr oder weniger intensiv“, wie er selbst sagt. 
Matthias hat bereits zwei Praktika in betreuten Wohneinrichtungen absolviert. „Daraus hat sich aber leider nie eine Anstellung ergeben“, sagt der junge Mann etwas verzweifelt.

Voraussetzung für den Erfolg: die passende Stellenauswahl 

Mattias hat selbst in einer betreuten Wohneinrichtung gelebt, bevor er vor drei Jahren mit seiner heutigen Frau in eine eigene Wohnung gezogen ist. „Ich kenne das System, die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen“, sagt Matthias und fragt sich, warum er aufgrund dieses großen Wissens keinen Job als Sozialpädagoge in einer betreuten Wohneinrichtung findet. 

«Man sollte sich nur dort bewerben, wo die Einschränkung nicht von überragender Bedeutung ist.»
Michael Graus, Koordinator beim bfz Augsburg

Matthias verfügt zwar über ein großes theoretisches und sicher auch praktisches Wissen über betreute Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung. Aufgrund seiner eigenen Einschränkung kann er die Kolleg*innen bei den alltäglichen Arbeiten allerdings nicht vollwertig unterstützen. 

Um sich erfolgreich für einen Arbeitsplatz zu bewerben, muss Matthias seinen Fokus bei der Jobsuche auf Stellen lenken, bei denen seine Beeinträchtigung keine Relevanz hat und er sein besonderes Wissen trotzdem ausspielen kann.

Die Behinderung erwähnen: ja oder nein?

Konstanze möchte sich auf eine Stelle als Verwaltungskraft bewerben. Sie hat eine Hörbeeinträchtigung, kann aber mit ihren Hörgeräten Telefonate und Konversationen führen. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder will sie wieder in Teilzeit ins Berufsleben einsteigen. Berufserfahrung bringt sie mit und auch eine solide Ausbildung. Außerdem hat sich Konstanze während ihrer Auszeit mit Fortbildungen auf dem aktuellen Stand in Sachen Computeranwendungen gehalten. Konstanze ist allerdings unschlüssig, ob sie ihre Behinderung im Bewerbungsschreiben oder beim Vorstellungsgespräch ansprechen soll oder nicht.

«Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Je offensichtlicher eine Behinderung ist, umso eher sollte man sie in eine schriftliche Bewerbung mit aufnehmen»
Michael Graus

Konstanze kann ihre Behinderung im Bewerbungsschreiben aussparen. Allerdings rät Michael Graus dazu, Behinderungen beim Vorstellungsgespräch darzulegen. „Am besten ist es, die Behinderung in einer ruhigen Phase des Bewerbungsgesprächs anzusprechen. Wichtig dabei ist, dass man seine Beeinträchtigung so darstellt, dass Arbeitgeber*innen auch etwas damit anfangen können“, sagt Graus.
 

«Rechtlich muss man eine Behinderung nur dann angeben, wenn sie für eine Tätigkeit von Bedeutung ist»
Michael Graus

Er rät dennoch davon ab, eine Behinderung zu verschweigen, auch wenn sie für den aktuellen Job nicht relevant ist. „Man weiß nicht, womit man es zu tun bekommt. Ein Jobprofil verändert sich im Laufe der Jahre. Es kann zu Versetzungen kommen“, sagt Graus.

Eventuell baut sich sonst im Laufe der Zeit ein Lügengebäude auf, das letztlich wie ein Kartenhaus zusammenstürzt. „Auf eine kleine Notlüge folgt die nächste. Vorgesetzte müssen detektivische Fähigkeiten entwickeln und die Spekulationen galoppieren dahin“, sagt Graus.
Alldem kann man entgegenwirken, wenn man über seine Behinderung angemessen aufklärt und Arbeitgeber*innen glaubhaft vermittelt, dass man mit seiner Behinderung für diese Stelle einsetzbar ist.

Die Leistungsfähigkeit ist entscheidend, um Jobchancen zu erhöhen

Franziska hat sich auf eine Stelle im öffentlichen Dienst beworben. In der Bewerbung steht, dass Menschen mit einer Schwerbehinderung bei gleicher Qualifikation bevorzugt behandelt werden. Franziska sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl und hat soeben ihre Ausbildung zur Bürokraft abgeschlossen. Die junge Frau ist sich sicher, dass sie den Job bekommen wird. Sie rechnet nicht damit, dass sich in ihrer kleinen Heimatstadt viele Menschen mit Behinderung für diese Stelle interessieren. In ihrer Bewerbung erwähnt sie ihre Behinderung gleich mehrmals. 
Sie wird daraufhin zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen 

Franziska erzählt ausführlich von ihrer Behinderung. Sie legt deutlich dar, was sie alles nicht kann, wo sie geschont werden muss, welche Umrüstungsmaßnahmen für sie vorgenommen werden müssen und welche finanziellen Vorteile sie als Mensch mit Behinderung bringt. Fransiska bekommt den Job nicht. 

Was ist falsch gelaufen?

So einiges. „Kein Mensch mit Behinderung wird eingestellt, weil er finanzielle Vorteile bringt“, stellt Michael Graus fest: „Menschen mit Behinderung sind erstmal – aus Sicht der Vorgesetzten – nachteilig. Sie bekommen Sonderurlaube und haben einen besonderen Kündigungsschutz.“ Wenn es dem Bewerber oder der Bewerberin gelingt, Arbeitgeber*innen von den eigenen Qualitäten zu überzeugen und die scheinbaren Nachteile als Vorteile darzustellen, dann sind die Chancen gegeben, den Posten auch zu bekommen. „Positive Aggressivität ist gefragt! Ein Arbeitgeber stellt nur jemanden ein, von dem er das Optimum an Leistungsfähigkeit erhält“, sagt Graus.

«Das Entscheidende muss im Kopf der Bewerber passieren, »
Michael Graus

„Man muss mit seinem Wissen, mit seiner Sympathie und seiner Toughheit überzeugen. Man muss in gewisser Form Positivist sein!“

Und wenn es schon mit dem Bewerbungsschreiben so überhaupt nicht klappen will? Wenn jeder Bewerbungsbrief maximal mit einer Absage beantwortet wird? „Dann funktioniert das Selbst-Marketingkonzept nicht!“, weiß Graus. Der Koordinator für die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung empfiehlt, die Bewerbungsunterlagen mit einer kompetenten Person zu überarbeiten.

Steigern Sie Ihren Marktwert! Verbessern Sie Ihr Marketingkonzept und werden Sie zum Positivisten! Sie bewerben sich in Konkurrenz mit allen anderen. Diese mögen fitter sein oder jünger, aber Sie haben Ihre Vorteile! Überzeugen Sie Ihre*n zukünftige*n Vorgesetzte*n davon!