Ein junger Mann sitzt in seinem Wohnzimmer auf der Couch und arbeitet am Laptop | © Ekaterina Bolovtsova / pexels

Präsenzarbeit oder Home-Office – zwei Seiten einer Medaille

Wie lässt sich Inklusion für Menschen mit Behinderung noch besser gestalten – auch im Hinblick auf die anhaltende Corona-Pandemie? Ist Home-Office die beste Lösung? Und lässt sich das Home-Office überhaupt für alle gleichermaßen einrichten?

Was früher nur in Ausnahmefällen genehmigt wurde, ist seit der Corona-Krise in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen: das Arbeiten im Home-Office. Auch dank der Digitalisierung lässt sich für viele der Heimarbeitsplatz in der Regel unkompliziert einrichten. Und für Menschen mit Behinderung lassen sich damit viele Alltagshürden, wie der Arbeitsweg oder nur ungenügend barrierefreie Räume besser umgehen. 

Aber ist das in der Praxis so leicht zu bewerkstelligen, wie es sich liest? Ein paar Vor- und Nachteile in Sachen Home-Office.

Home-Office für alle

Gerade für Menschen mit Behinderung kann das Home-Office wirklich eine Alternative darstellen. Denn es ermöglicht, uneingeschränkt die Konzentration auf die eigenen Fähigkeiten und Stärken – und damit verbunden, einen stärkeren Fokus auf die Aufgaben legen zu können.

Ein zusätzlicher Vorteil bei Menschen mit einer körperlichen Behinderung ist, dass die eigene Wohnung bereits barrierefrei gestaltet ist. Für Menschen mit psychischen Behinderungen kann die Wohnung hingegen eine Art „Safe Place“ darstellen, die es ihnen ermöglicht, ihre Arbeit nach ihren Bedürfnissen flexibler einrichten zu können. 

Darüber hinaus wird das Home-Office auch zu einer unabdingbaren Lösung in Anbetracht der anhaltenden Corona-Pandemie. Je nach Grad oder Form der Behinderung kann sie für Betroffene das Risiko einer Ansteckung auf ein Minimum reduzieren. 

Die rechtliche Lage

Nach Arbeitsrecht § 7 Homeoffice / C. Individualrechtliche Aspekte beim Homeoffice Randziffer 42 haben zwar Arbeitnehmer*innen „grundsätzlich keinen Anspruch darauf, im Homeoffice arbeiten zu dürfen“, aber es gibt Ausnahmefälle. Diese ergeben sich aus dem § 611 Absatz 1 des BGB in Verbindung mit § 81 Absatz 4 SGB IX „bei dem ein Anspruch eines schwerbehinderten Arbeitnehmers auf Fortführung eines Heimarbeitplatzes besteht, (…) wenn die Arbeit von zu Hause aus im Hinblick auf den Gesundheitszustand des Arbeitnehmers, zwingend notwendig ist. 

Aber auch dabei müssen eine Reihe von Faktoren zusammenkommen, die eine Verpflichtung zum Home-Office begründen: wie zum Beispiel die Betriebszugehörigkeit, Erkrankung oder die Art der Behinderung, die eine teilweise Verlegung ins Home-Office zwingend macht und die zumutbare Kostenbelastung seitens des Unternehmens.

Im Zweifelsfall sollte das Thema frühzeitig mit dem*der Vorgesetzten besprochen werden, um Möglichkeiten schnell abklären zu können. Darüber hinaus kann ein ehrliches sowie vertrauensvolles Gespräch auch die Wertschätzung auf beiden Seiten stärken.

Eine Kehrseite des Home-Office

Ein Punkt, der oftmals unterschätzt wird, wenn es um die tägliche Arbeit geht: die Sozialkontakte am Arbeitsplatz vor Ort. Ein Plausch mit Kolleg*innen in den Pausen oder zwischendurch tragen auch zu einem Gefühl gesellschaftlicher Teilhabe bei. Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung kann sogar das Gefühl der Einsamkeit verstärkt werden.

Daher ist es umso wichtiger, mit Kolleg*innen regelmäßig mit Hilfe von digitalen Messengern in Kontakt zu bleiben und sich auch sich virtuell zu treffen. Und sich darüber hinaus gegebenenfalls jemanden anzuvertrauen, wenn es einem aufgrund der Situation nicht so gut geht.

Corona bringt noch ein anderes Problem mit sich

Nicht alle Menschen mit Behinderung können flexibel ins Home-Office wechseln. Denn viele arbeiten auch in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Diese sind seit der Corona-Pandemie größtenteils geschlossen, da viele der Mitarbeitenden mit Behinderung zur Risikogruppe gehören.
Dadurch brechen viele alltägliche Strukturen weg, die jedoch für ein autonomes Leben sowie inklusive Teilhabe wichtig sind.

Dadurch wird auch die zentrale Aufgabe der Werkstätten – weiterhin Unterstützung, Betreuung, Beschäftigung und Qualifizierung sicherzustellen – in der aktuellen Situation zu einer massiven Herausforderung. 

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V. hat diesbezüglich ein Positionspapier angefertigt, dass zum einen auf die besondere Lage aufmerksam machen – zum anderen einen Weg aufzeigen soll, wie es nach der Corona-Pandemie weitergehen kann.

Eine Frage der persönlichen Einstellung

Davon abgesehen, dass durch die Digitalisierung auch Berufe geschaffen werden, die von Anfang an nicht mehr auf Präsenzarbeit setzen – gilt es jedoch das Für und Wider der Option auf Home-Office genau abzuwägen. Und am Ende ganz nach dem eigenen Bedürfnis zu handeln.