Umgeben von Steppe steht ein weißes Zelt und drei Palmen. Vor dem Zelt stehen Stühle um eine Feuerstelle. Alles ist in goldenes Licht getaucht, als würde die Sonne gerade untergehen. | © Mario Cuadros / Pexels.com

Filmempfehlung: „Der Sommer der Krüppelbewegung“

Ein Freizeitcamp, das in eine Revolution mündet. Die Dokumentation „Der Sommer der Krüppelbewegung“, erzählt mit viel Charme, aber nicht den Ernst der Sache aus den Augen verlierend, die wahre Geschichte von Teilnehmer*innen des Camp Jened, die zu Aktivist*innen einer Behindertenrechtsbewegung werden, um für mehr gesetzlich festgelegte Barrierefreiheit zu kämpfen.

„Geleitet von Hippies“ war das Camp Jened ein Freizeitcamp für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. In den Sommern von 1951 bis 1977 fand es jährlich im Bundesstaat New York statt. Camp Jened war ein Ort, an dem Jugendliche und junge Erwachsene ohne „Stereotype und Etiketten“ sich ausprobieren konnten. Die Grenzen zwischen Camper*innen und Betreuer*innen verschwanden und es wurde der Raum gegeben verschiedene Sachen auszuprobieren.

Die Regisseurin Nicole Newnham und der Regisseur Jim LeBrecht, der selbst am Camp teilgenommen hat, stellen das Camp mit originalen Filmaufnahmen aus dem Sommer 1971 vor. Es werden ausgelassene Tanzszenen, gemeinsames Musizieren, Freizeitaktivitäten wie Schwimmen und Rugby gezeigt. Unterlegt mit Musik der 60er Jahre und durch die Looks der Camper*innen, wird die unverwechselbare Atmosphäre der Zeiten von Woodstock transportiert.

In ernsten und amüsanten Dialogen werden Themen wie Sexualität, Rassismus, Diskriminierung, elterliche Überfürsorge und Liebe thematisiert. Die Teilnehmerin Judy Human äußert sich so dazu: „Wir hatten immer diese Diskussionen. So haben wir erkannt, dass wir versuchen müssen, Dinge zusammenzutun. Nicht nur im Camp, sondern auch danach.“ Für das Gefühl von Freiheit, das viele Camper*innen im Camp Jened kennengelernt haben, wollten sie nun auch im Alltag kämpfen. Es wurde klar: der aktuelle Status Quo, der damals in der Gesellschaft herrschte, muss nicht so bleiben. So kam es, dass sich viele der Camper*innen untereinander vernetzten und eine Revolution starteten.

Man sieht zwei Hände, die ein Pappschild halten, auf das mit schwarzer Farbe „Human Rights“ geschrieben wurde. | © Sora Shimazaki / Pexels.com

Durch die Möglichkeit sich im Camp Jened frei zu bewegen und entfalten, merkten die Teilnehmer*innen, dass dies auch in der Gesellschaft möglich sein muss. (Foto: Sora Shimazaki / Pexels.com)

Die Revolution

Anfang der 70er Jahre herrschte in Amerika kaum Barriefreiheit im öffentlichen Raum. So konnte man als Rollstuhlfahrer*in kaum den öffentlichen Nahverkehr nutzen und viele Mädchen und Jungen mit Behinderung wurden zu Hause unterrichtet, da sie nicht auf die öffentlichen Schulen gehen konnten. Es gab auch keine Antidiskriminierungsgesetze, was sich mit dem Rehabilitation-Act ändern sollte. Doch Nixon legten ein Veto ein, mit der Begründung, dass die Umsetzung „zu aufwendig für zu wenige Menschen“ sei.

Teilnehmer*innen des Camps Jened organisierten sich und gründeten „Disabled Enaction“, um ihre Rechte einzufordern. Nachdem die Unterzeichnung des Rehabilitation Acts nicht gelungen war, startete „Disable Enaction“ seine erste Demonstration mit 50 Teilnehmenden vor Richard Nixons Büro. Doch die Unterzeichnung von Absatz 504 wurde verwehrt.

Dieser Absatz sagt aus: „Keine anderweitig qualifizierte Person mit einer Behinderung in den Vereinigten Staaten (…) darf allein aufgrund ihrer Behinderung von der Teilnahme an einem Programm oder einer Aktivität, das finanzielle Unterstützung des Bundes erhält, oder einem Programm oder einer Aktivität, das von einer Exekutivagentur oder dem Postdienst der Vereinigten Staaten durchgeführt wird, ausgeschlossen werden, Vorteile verweigert werden, oder einer Diskriminierung ausgesetzt werden.“

Um dieses Recht durchzusetzen, folgten viele weitere Demonstrationen in mehreren Städten, die aber durch die zeitgleichen Friedensdemonstrationen des Vietnamkriegs und anderen Bürgerrechtsbewegungen wie die der Black Panther medial nur wenig Beachtung fanden.  Eine Demonstration im Jahre 1973 vor dem United States Department of Health, Education an Welfare in San Francisco führte schließlich zu dem 504-Sit In. Bei der Demonstration gingen einige Demonstrant*innen in das Gebäude und beschlossen dort zu bleiben, bis 504 abgesegnet werden würde. Ein Teilnehmer erinnert sich an Tag drei des Sitz-Streiks: „Das FBI hat die Telefone abgestellt, damit wir nicht kommunizieren können. Wir fragten uns, was wir tun sollten und die tauben Leute wussten es. Einer gab aus dem Fenster Zeichen. So sprachen wir mit den Leuten draußen.“

Neben der Kommunikation organisierten die Demonstrant*innen, unter denen viele ehemalige Teilnehmer*innen des Camp Jened waren, Schlafplätze, Essen und Hygieneartikel. Dabei fanden sie auch Unterstützung anderer Bürgerrechtsaktivist*innen, wie die Black Panther, die warme Mahlzeiten zur Verfügung stellten und einem Minister, der Matratzen schickte. Der Sitz-Streik dauerte insgesamt 25 Tage und geht als längste gewaltfreie Besetzung eines Regierungsgebäudes in die amerikanische Geschichte ein.

Eine sehenswerte Dokumentation

Mit sensationellen Originalaufnahmen stellt die Dokumentation sehr atmosphärisch ein scheinbar übersehenes Kapitel der Bürgerrechtsbewegung der 70er Jahre in Amerika dar. Sie regt zum Nachdenken an, zeigt neue Perspektiven und motiviert einen, sich für die eigenen Rechte einzusetzen. Die Dokumentation ist sehr authentisch und bleibt stets auf Augenhöhe. Jedem und jeder, der/die etwas zu sagen hat, wird eine Stimme gegeben. Reich an Facetten, berührt der Film auf mehreren Ebenen. Nicht umsonst gewann diese Dokumentation mehrere Nominierungen und Auszeichnungen, wie die Oskar-Nominierung zur besten Dokumentation und den Publikumspreis des Sundance Film Festivals.

„Sommer der Krüppelbewegung“ können Sie auf YouTube oder Netflix ansehen.


Fehler melden? Jetzt Melden.

Haben Sie eine Frage an die Community?