Gehörlos, taub, schwerhörig: Hörbehinderungen

Bei einem Menschen mit einer Hörbehinderung funktioniert das Gehör nicht mehr normal. Unter diesem Sammelbegriff gibt es dennoch - je nach Grad des Hörverlustes - weitere Bezeichnungen für hörbehinderte Menschen.

Nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. Leben in Deutschland etwa 80.000 Gehörlose. In 15 Prozent der Fällen wurde die Gehörlosigkeit vererbt. Insgesamt sind laut des Deutschen Schwerhörigenbundes etwa 16 Millionen Menschen von Schwerhörigkeit betroffen.

Hörbehinderung ist aber nicht gleich Hörbehinderung. Die Bandbreite reicht von leichten Hörverlusten, wie sie etwa bei älteren Menschen häufig vorkommen, über hochgradige Schwerhörigkeit bis hin zu völliger Taubheit.

Hörbehinderung medizinisch gesehen

Aus HNO-ärztlicher beziehungsweise aus audiologischer Sicht gibt es mehrere Abstufungen bei Hörbehinderungen, je nach durchschnittlichem Resthörvermögen, auch mittlerer Hörfrequenzbereich genannt. Der Hörverlust wird mittels eines Audiogramms in verschiedenen Tonfrequenzen ermittelt.

  • Unter Schwerhörigkeit wird ein mittlerer Hörverlust bei etwa 50 Dezibel (dB) verstanden. Zudem gibt es wiederum leichte Schwerhörigkeit (20 bis 40 dB Hörverlust) sowie hochgradige Schwerhörigkeit (60 bis 80 dB Hörverlust).
  • Resthörigkeit definiert sich über einen Hörverlust ab etwa 90 Dezibel. Darunter wird auch „an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit“ verstanden.
  • Gehörlos beziehungsweise taub ist man, wenn der Hörverlust mehr als 120 dB beträgt.

Zur Veranschaulichung: Das Ticken einer Armbanduhr ist etwa 20 Dezibel und ein normales Gespräch 55 Dezibel laut. Normaler Verkehrslärm beträgt etwa 75 Dezibel und eine Autohupe ist auch mit einem Hörverlust von rund 110 Dezibel akustisch wahrnehmbar.

Zudem werden zu Menschen mit Hörbehinderung ebenfalls spätertaubte Menschen mitgezählt. Diese werden unabhängig vom Ausmaß des Hörverlustes separat berücksichtigt, wenn der Verlust des Hörvermögens postlingual erfolgte. Das bedeutet, nach dem natürlichen Spracherwerb – in der Regel nach dem sechsten Lebensjahr. Die Betroffenen hatten die Lautsprache also bereits vor dem Hörverlust erlernt. „Diese Unterscheidung ist wichtig für die auf das Erlernen der Lautsprache ausgerichtete Frühförderung“, heißt es vom Institut für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS). Es werden demnach unterschiedliche Förderkonzepte erforderlich.

ein Paar spricht in Gebärdensprache an einer Bar | © Andi Weiland/Gesellschaftsbilder.de

Die Gebärdensprache wird von vielen gehörlosen Menschen genutzt, um sich auszudrücken (Andi Weiland/Gesellschaftsbilder.de).

Hilfen für Menschen mit Hörbehinderung

Der medizinische Fortschritt bietet Möglichkeiten an, den Hörverlust – zumindest zum Teil – auszugleichen. Das verbreitetste Hilfsmittel ist das Hörgerät. Moderne, digitale Hörgeräte können bereits einen Hörverlust von mehr als 50 Dezibel ausgleichen, je nach Schädigung.

Das Cochlea Implantat (CI) verspricht bessere Hörresultate bei einer größeren Bandbreite von wahrnehmbaren Tonfrequenzen. Das Cochlea Implantat ist eine Innenohrprothese, bei der Elektroden in einer Operation in die Hörschnecke eingeführt werden.

Weiter gibt es eine Reihe von elektronischen Hilfsmitteln, die akustische in visuelle oder taktile Signale umwandeln. Beispiele sind Lichtklingeln, Vibrationswecker sowie Untertitel.

Gehörlose Menschen, die sich über die Gebärdensprache kommunizieren, können für Gespräche mit nicht-gebärdensprachkompetenten Menschen Gebärdensprachdolmetscher hinzuziehen. Die Alternative hierfür sind Schriftdolmetscher, die das Gesprochene simultan in die Schriftsprache übersetzen.

Ursachen

Gehörlosigkeit kann einer genetischen Veranlagung zugrunde liegen, die Hörbehinderung wird dadurch an den Nachwuchs weitervererbt. Diese Gruppe macht jedoch lediglich einen Bruchteil der hörbehinderten Menschen aus. Auf etwa fünf Prozent aller hörbehinderten Menschen beziffert das IDGS die Häufigkeit erblich bedingter Gehörlosigkeit.

Viel häufiger wird die Hörbeeinträchtigung durch eine Erkrankung entweder vor, während oder nach der Geburt verursacht. In der Schwangerschaft können beispielsweise Röteln einen Hörverlust verursachen. Während der Geburt können vor allem Sauerstoffmangel oder Geburtstraumen zu einer Hörbeeinträchtigung führen. Einige Erkrankungen, die postnatal zu einer Ertaubung führen können, sind Meningitis (Gehirnhautentzündung), Scharlach und Masern. Auch eine Schädigung durch Medikamente kommt als Auslöser für eine Hörbehinderung in Frage.

Kulturelle Perspektive

Viele hörbehinderte, zumeist gehörlose Menschen sehen sich weniger als Menschen mit (Hör)Behinderung, sondern vielmehr als Teil einer kulturell-sprachlichen Minderheit. Im Zentrum ihrer Gemeinschaft steht die visuell-manuelle Gebärdensprache, die 2002 in Deutschland als vollwertige Sprache gesetzlich anerkannt wurde. „Gebärdensprachen bestehen neben Handzeichen aus Mimik und Körperhaltung. Sie verfügen über ein umfassendes Vokabular und eine eigenständige Grammatik“, ist auf der Webseite des Deutschen Gehörlosenbundes zu lesen.

Manche gehörlose Menschen ziehen den Ausdruck „taub“ gegenüber „gehörlos“ vor, da hier das Defizit (-losigkeit) nicht im Mittelpunkt steht. Ein No-Go ist dagegen der Ausdruck „taubstumm“, da er Sprachlosigkeit (damit ist nicht das Sprechen, sondern die Fähigkeit, sich auszudrücken gemeint, etwa über die Gebärden- oder die Schriftsprache) suggeriert und zudem etymologisch dem Wort „dumm“ nahesteht. Dieser Ausdruck wird von den meisten Menschen mit Hörbehinderung als Diskriminierung aufgefasst.