eine Person hält ein Hörgerät in der Hand | © pixabay

Der Weg zum optimalen Hörgerät

Eine Hörschwäche kann eigentlich banale Dinge im Alltag erheblich beeinflussen. Man versteht andere nicht (mehr) gut, verpasst wichtige Signale und der Gang zum HNO-ärztlichen Fachpersonal bringt die ernüchternde Diagnose: Sie hören schlecht. Was nun? Was für viele Menschen mit Sehproblemen die Brille ist, wäre das Hörgerät für Menschen mit einer Hörbehinderung.

Mit dem geeigneten Hörgerät lassen sich Probleme im Alltag lindern und Missverständnisse vermeiden. Dabei sind die Hochleistungshilfsmittel von außen kaum noch zu sehen. Selbst geringfügige Hörverluste können in der heutigen, von einem immer schneller werdenden Informationsaustausch geprägten Welt schnell zu einem Nachteil werden. Denn ein gestörter hörsprachlicher Austausch kann mit dem Risiko einer beruflichen und familiären Isolation einhergehen. Bereits das morgendliche Gespräch mit dem Partner beziehungsweise der Partnerin kann zu frustrierenden Missverständnissen und damit an sich vermeidbaren Spannungen in der Beziehung führen. Überhörte Telefone und Türklingeln stellen immer auch den Verlust einer Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt dar.

Aber auch Telefongespräche, Geschäftstreffen oder Autofahrten sind beeinträchtigt und stellen die Betroffenen vor eine echte Herausforderung. Eine unbehandelte Hörschwäche kann zu einem Karrierehindernis werden, wenn die Betroffenen in Sitzungen nicht mehr dem Gespräch der Kolleg*innen oder wichtigen Anweisungen durch Vorgesetzte folgen können.

Doch viele der etwa 16 Millionen Deutschen mit Hörproblemen genieren sich vor diesen Hilfsmitteln. Mangelndes Wissen, aber auch Eitelkeit sind hierfür der Grund. Zu Unrecht. Schritt für Schritt zeigen wir Ihnen daher hier die Prozedur einer idealen Hörgeräteversorgung auf.

Ursachen

Der Hörverlust ist in der Regel ein einschneidendes Problem im Alltag und kann im Extremfall zur sozialen Isolation führen. Denn zwischenmenschliche Kommunikation wird hauptsächlich über das Ohr wahrgenommen und insgesamt werden sehr viele Informationen und Warnsignale akustisch wiedergegeben und aufgenommen. Das Alter ist eine häufige Ursache für das schlechte Hören, aber es gibt auch andere Auslöser, wie etwa Stress, Durchblutungsstörungen, dauerhafter Lärm oder eine Erkrankung beziehungsweise ein Unfall.

EnableMe hat mit Dr. Hartwig Stierlen, HNO-Facharzt, über das ideale Hörgerät gesprochen. Stierlen führte 33 Jahre lang eine der größten HNO-Praxen in München sowie die HNO-Belegabteilung im Klinikum Dritter Orden.

Hörschaden festgestellen

Die Diagnose einer Hörbehinderung erfolgt, so Stierlen, zum einen durch die Audiometrie, einem Hörtest mit unterschiedlichen Tönen und Lautstärken und zum anderen durch die Sprach-Audiometrie, wobei das Hören und Verstehen von gesprochener Sprache getestet wird. Steht mit diesen Tests fest, dass eine Hörschädigung vorhanden ist, sollte von HNO-Ärzt*innen darüber beraten werden, ob und welche Hilfen Sinn machen würden.

Denn Hörschädigung ist nicht gleich Hörschädigung. Je nach Fall kommen entsprechende Lösungen in Frage. Neben dem Standard-Hörgerät, das hinter dem Ohr getragen wird, gibt es sogenannte iO-Geräte, die entweder im Gehörgang oder in der Ohrmuschel am Gehörgangseingang eingesetzt werden, Hörbrillen mit Einbau der Technik im Brillenbügel, Mini-Chip-Geräte mit elektronisch verbesserter Spracherkennung oder knochenverankerte Hörgeräte.

Verschiedene Hörhilfen

„Mit dem HNO-Facharzt sollte man gemeinsam herausfinden, ob die Hörschädigung schon so ausgeprägt ist, dass eine Hörgeräteversorgung sinnvoll und zweckmäßig ist, damit die Kostenträger die Kosten übernehmen. Zudem müsste auch der Leidensdruck des Patienten so groß sein, dass er sich sein weiteres Leben mit einer kleinen Prothese im Ohr vorstellen kann“, erklärt Stierlen.

Im nächsten Schritt wird eine Verordnung mit den erhobenen Werten ausgegeben, mit der Betroffene ein Fachgeschäft für Hörgeräte-Akustik aufsuchen können. Das Fachpersonal - als eigener Berufsstand - ist spezialisiert auf die Anpassung von Hörgeräten. Von diesem werden in der Regel nochmal Messungen des Gehörs durchgeführt. Dabei wird versucht, für Patient*innen entsprechend der Hörbehinderung das optimale Hörgerätesystem herauszufinden. Dazu muss ein Abdruck des Gehörganges beziehungsweise spezielle Hörschläuche angefertigt werden.

verschiedene Hörgeräte liegen zum Vergleich mit einer 1 Euro Münze auf einer Hand | © pixabay

Hörgeräte gibt es in vielen verschiedenen Farben und Formen (Foto: pixabay).

Verschiedene Formen

Ein Hörgerät kann viele Probleme im Alltag zu lösen helfen. Bei Hörgeräten wird grundsätzliche zwischen zwei Bauformen unterschieden. In-dem-Ohr-Hörgeräte befinden sich in einer individuell angepassten Schale direkt im Gehörgang der Betroffenen. Die Geräte sind grundsätzlich für leicht bis mittelschwere Hörverluste geeignet und werden von etwa zehn Prozent der Hörgeräteträger*innen gewählt. Die Schale wird anhand eines angefertigten Ohrabdrucks von Akustiker*innen angefertigt und ist in verschiedenen Hautfarben verfügbar, sodass sich diese nur unwesentlich vom Außenohr unterscheiden.

In 90 Prozent der Fälle wählen die Betroffenen Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte (HdO-Hörgeräte). Die Bauform ist sehr klein und kann leicht hinter dem Ohr versteckt werden. Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte eignen sich für sämtliche Ausprägungen der Schwerhörigkeit. Generell gilt bei beiden Bauformen: Je größer das Gerät, desto höher die Leistungsfähigkeit. Da die größtmögliche Größe von Im-Ohr-Hörgeräten von der Größe des individuellen Gehörgangs begrenzt wird, sind bei hochgradigen Hörverlusten in jedem Fall Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte erforderlich.

Technische Hilfsmittel

Moderne technische Hilfsmittel können im Alltag Abhilfe schaffen. So werden beispielsweise spezielle Telefone für Schwerhörige angeboten, die über eine Verstärker-Elektronik verfügen und die zu übertragende Sprache hörgerätekompatibel, sowie frei von Störgeräuschen, in klarerer Sprachwiedergabe und ausreichend laut übertragen.

Darüber hinaus sind Licht- und Vibrationswecker erhältlich, die im Gegensatz zu akustischen Weckern nicht mit Tönen oder Musik, sondern Vibration oder Blinklicht wecken. Dabei können Sie eine bereits vorhandene Leuchte an den Wecker anschließen oder sich mit einem integrierten Blitzlicht wecken lassen. Auch Funk-Licht-Signalanlagen machen akustische Signale – beispielsweise von Türklingel oder Telefon – als Lichtblitz sichtbar, indem ein Funksender die Signale von Haustür oder Telefon registriert und an alle aktiven Funkempfänger starke Lichtblitze überträgt.

Für ein insgesamt optimales Fernsehhören stehen Bluetooth-Übertragungssysteme unterschiedlicher Hörgerätehersteller zur Verfügung. Bei diesen wird der Ton des Fernsehgeräts direkt an das Hörgerät übertragen, was ein sehr gutes Hörerlebnis gewährleistet. Schließlich können Betroffene, die nicht dauerhaft ein Hörgerät tragen müssen, auf Hörverstärker zurückgreifen. Hörverstärker dienen dem schnellen Einsatz und sind vor allem immer dann sinnvoll, wenn konventionelle Hörgeräte nicht einsetzbar sind.