Zwangsstörungen – wenn Angst den Alltag bestimmt

Bei einer Zwangsstörung dominieren Ängste das eigene Leben und dies führt zu einem Teufelskreis, aus dem man oft nicht fliehen kann. Therapeutische Hilfe kann nichtsdestotrotz zu Besserungen führen.

Stellen Sie sich eine ganz alltägliche Situation vor: Nach dem Aufstehen gehen Sie ins Bad, Sie frühstücken, trinken einen Kaffee, rauchen eventuell eine Zigarette, bügeln ein Hemd für das Meeting um neun Uhr, ziehen sich an und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Plötzlich schleichen sich Gedanken ein: Habe ich die Kaffeemaschine ausgeschaltet? Wo habe ich den Zigarettenstummel entsorgt? Habe ich das Bügeleisen vom Strom getrennt? Habe ich die Haustüre abgesperrt?

Sie sind unsicher und kehren nach Hause zurück und stellen fest, dass alles in Ordnung ist. Erleichtert machen Sie sich nun erneut auf den Weg zur Arbeit. Wenn es sich damit erledigt hat, ist das nicht weiter schlimm. Diese täglichen Unsicherheiten gegenüber Dingen, die wir mehr oder weniger automatisch tun, sind normal. 

Zwang beherrscht Verhalten gegen den eigenen Willen

Anders verhält es sich, wenn die Unsicherheit anhält und sich ein Zwang einstellt, die gleichen Dinge immer und immer wieder zu kontrollieren. Um beim Beispiel zu bleiben: Man kehrt immer wieder nach Hause zurück, um zu kontrollieren und dies im Bewusstsein, dass es völlig unsinnig ist und man zu spät zum Meeting kommt. Der Zwang beherrscht also das Verhalten gegen den Willen der Betroffenen.

Erst, wenn diese Verhaltensweisen ein derartiges Ausmaß annehmen, dass die Betroffenen darunter leiden oder deren Alltag stark beeinträchtigt ist, spricht man von einer krankhaften Zwangsstörung oder Zwangsneurose. Per Definition liegt eine Zwangsstörung vor, wenn Zwangsgedanken und -handlungen mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen bestehen. 

Unsicherheit und Angst

Hinter den meisten Zwangshandlungen steht die fixe Idee, dass dadurch etwas Gefährliches verhindert werden soll. Wenn die Handlungen nicht immer und immer wieder ausgeführt werden können, entsteht ein Gefühl von Unsicherheit, Angst oder Ekel. Durch die wiederholte Ausführung der Zwangshandlungen werden diese Gefühle verringert.

Die in der Öffentlichkeit vielleicht bekannteste Zwangshandlung ist das Waschen und Reinigen. Menschen, die unter einem solchen Zwang leiden, haben panische Angst vor Bakterien und Schmutz, ihr Alltag ist durch Taten und Gedanken rund um Reinlichkeit bestimmt. Betroffene lassen keinen Besuch mehr in die eigenen vier Wände, um Schmutz zu vermeiden. Bei der kleinsten Unreinheit wird das ganze Eigenheim gründlichst gereinigt. Menschen mit einer entsprechenden Zwangsstörung geben niemandem mehr die Hand und wenn es sich nicht verhindern lässt, werden die Hände anschließend wieder und wieder gewaschen – bis sie bluten. 

Von der Handlung zum Ritual

Aus Zwangshandlungen können auch Zwangsrituale werden. Die Handlungen werden in einer bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Art und Weise ausgeführt. Die Betroffenen müssen das Ritual jedes Mal in exakt derselben Weise, nach bestimmten, sorgfältig zu beachtenden Regeln durchlaufen. Kann die Handlung nicht abgeschlossen werden, entsteht weitere Angst, und das Ritual muss häufig von Anfang an wiederholt werden. 

Ängste dominieren das Leben

Zwangsgedanken wiederum sind Gedanken, Bilder oder Impulse, die sich immer wieder aufdrängen. Betroffene empfinden solche Ideen als extrem besorgniserregend. Am häufigsten finden sich Zwangsvorstellungen, die sich um Unfälle, Erkrankungen, Katastrophen oder Gewalttaten drehen und die insbesondere nahestehende Personen bedrohen sollen.

Ängste dominieren das Leben, denn den zwanghaften Gedanken sind kaum Grenzen gesetzt. Sie können sich auch auf sexuelle Inhalte beziehen, auf religiöse und moralische Fragen oder auf alles, was das Thema Ordentlichkeit betrifft. 

Zahlreiche Begleitsymptome

Begleitende Symptome zu den Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken sind oftmals eine allgemeine Nervosität der Betroffenen, ein stets beunruhigtes Verhalten, depressive Verstimmungen und ein reduziertes Selbstwertgefühl. Erschöpfungssymptome sind ebenfalls häufig, denn der stetige Kampf gegen den Zwang – ob erfolgreich oder nicht – kostet ungeheure Kraft.

Ein Teufelskreis

Die Betroffenen befinden sich in einem Teufelskreis. Sie erleben Zwangsgedanken, die für sie nicht erträglich sind und ihnen Angst machen. Bekämpft oder reagiert auf die Zwangsgedanken wird mit Zwangshandlungen, die wiederum die ausgelösten Befürchtungen am Leben erhalten. Bei 90 Prozent der Betroffenen kommen sowohl Zwangsgedanken wie auch Zwangshandlungen vor. 

Hunderttausende Betroffene

Bis Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren Zwangserkrankungen noch relativ unbekannt. Dadurch entstand bei Betroffenen das Gefühl, mit ihrer Erkrankung alleine zu sein. Dies erhöhte die Suizidgefahr und minimierte die Chance, sich in therapeutische Behandlung zu geben.

Heute weiß man, dass Zwangserkrankungen weiter verbreitet sind, als früher angenommen. Die Dunkelziffer ist hoch, weil sich Betroffene ihrer Störung oft schämen und sie möglichst lang verbergen. Es dauert oft viele Jahre, bis eine korrekte Diagnose gestellt und eine angemessene Therapie eingeleitet werden kann. Fachleute gehen davon aus, dass in Deutschland bis zu 1,5 Millionen Menschen betroffen sind.

Die Zwangsstörung ist nach den Phobien, der Depression und den Suchterkrankungen die vierthäufigste psychische Störung. Zirka 20 Prozent der Patientinnen und Patienten sind bereits in der Kindheit davon betroffen. Bei den meisten Betroffenen beginnt die Störung aber im frühen Erwachsenenalter. 

Verschiedene Faktoren verantwortlich

Wie eine Zwangserkrankung entsteht, ist trotz bemerkenswerter Fortschritte und Erkenntnisse in der Forschung noch nicht völlig geklärt. Die meisten Expert*innen gehen davon aus, dass das Zusammenwirken verschiedener Faktoren für die Krankheit verantwortlich ist.

Gründe als Auslöser für Zwangsstörungen können sowohl genetisch bedingt sein, aber auch aus Lebenserfahrungen resultieren, wie Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen e.V. beschreibt. So kann zum Beispiel das Zusammentreffen einer vorhandenen psychischen Verletzlichkeit aufgrund von früheren belastenden Lebensereignissen mit einer akuten psychischen Überlastung zu einer Zwangsstörung führen. Auch der Umgang mit unangenehmen Emotionen, wie beispielsweise Angst, kommt hinzu. Für die genetische Veranlagung liefern das gehäufte Auftreten von Zwangsstörungen in einer Familie, sowie Zwillingsstudien den Beweis. Gemäß zahlreicher Studien spielt der Hirnstoffwechsel eine Rolle, da die Impulsübertragung im Gehirn von Erkrankten gestört ist.

Nahaufnahme einer Frau im Gespräch

Zwangsstörungen können mit einer Kombination aus medikamentöser und psychologischer Behandlung therapiert werden (Foto: Priscilla Du Preez/unsplash).

Frühe Behandlung

Je früher mit der Behandlung einer Zwangsstörung begonnen wird, desto besser sind die Prognosen. Es gibt heute Hilfen, um eine deutliche und dauerhafte Linderung der Symptome zu erreichen. Um eine Zwangsstörung erfolgreich zu therapieren, hat es sich als sinnvoll erwiesen, eine Kombination aus medikamentöser und psychologischer Behandlung anzuwenden.

Im Bereich der Psychotherapie sind sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich verhaltenstherapeutische Methoden entwickelt worden. Auch die medikamentösen Möglichkeiten sind deutlich besser als früher. 

Hirnschrittmacher bringt Linderung

Seit einigen Jahren wird bei Zwangsstörungen auch ein Hirnschrittmacher zur Linderung des Problems eingesetzt. Bei der Methode implantieren Ärzt*innen Elektroden in das Gehirn, die bestimmte Hirnbereiche elektrisch reizen sollen. Ziel der Therapie ist es, einen aus dem Tritt geratenen Regelkreislauf im Gehirn zu normalisieren und damit die kognitiven, emotionalen und motorischen Prozesse zu stabilisieren.
 
Hirnschrittmacher kommen häufig erst zum Einsatz wenn die Möglichkeiten der therapeutischen und medikamentösen Behandlung ausgeschöpft sind. Sie sollen Patient*innen helfen, den Alltag wieder besser zu meistern. Die Zwänge werden jedoch lediglich gedämpft und verschwinden nicht.