Ein Junge liest sitzend allein an einer Küste | © Ben White/unsplash

Soziale Auswirkungen des Asperger-Syndroms

Ein von der Umwelt als seltsam empfundenes Sozialverhalten ist das auffälligste Merkmal von Autisten*innen des Asperger-Syndroms. Was bedeutet dies für die Betroffenen und ihre Familien - in der Schule, im Umgang mit Freunden, Geschwistern und Eltern?

Das Asperger-Syndrom ist eine Entwicklungsstörung innerhalb des Autismus-Spektrums. Es wurde 1944 vom österreichischen Kinderarzt Hans Asperger erstmals beschrieben.

Menschen mit Asperger ecken mit ihrem Sozialverhalten an

Das Asperger Syndrom ist mit Beeinträchtigungen, aber auch Stärken verbunden. Das auffälligste Merkmal von Menschen mit Asperger ist ein von der Umwelt häufig als seltsam empfundenes Sozialverhalten. Autist*innen des Asperger Syndroms haben Probleme mit der sozialen Interaktion und zeigen eine als unüblich wahrgenommene Reaktion auf ihre Umwelt. Nicht zu vergessen ist jedoch, dass Menschen mit Autismus ihre Umwelt anders wahrnehmen. So sehen Autist*innen in viele sozialen Interaktionen komische Verhaltensweisen und können diese nicht verstehen oder interpretieren.

Viele Betroffene können sich nur schwer in die Gefühle ihrer Mitmenschen hineinversetzen, haben Schwierigkeiten oder oft gar kein Interesse, Freund*innen zu finden und Freundschaften zu pflegen. Sie vermeiden oft den Blickkontakt, zeigen stereotype oder angelernte Verhaltensweisen und haben Schwierigkeiten bei Veränderungen. Allerdings ist es wichtig festzuhalten, dass jeder Mensch mit Asperger-Syndrom individuell ist.

Diagnose Asperger: Schock und Erleichterung zugleich

Doch was heißt dies im Alltag und was bedeutet die Diagnose Asperger für die Familie? „Zuerst war die Diagnose ein Schock“, erzählt Franziska Nerl*, bei deren heute 16-jährigem Sohn Thomas* vor sechs Jahren Asperger festgestellt wurde. „Andererseits war es auch eine Erleichterung. Es nimmt einem Schuld weg, denn man fragt sich ja ständig, was los ist und was man falsch gemacht hat.“

Dies bestätigt auch Barbara Gärtner*: „Ich war schockiert und bin traurig, andererseits aber auch erleichtert, dass wir endlich erfahren haben, was Sache ist“, schildert sie ihre Gefühle, nachdem ihr Ärzt*innen vor wenigen Wochen eröffnet haben, dass bei ihrer elfjährigen Tochter Simone* das Asperger-Syndrom entdeckt worden sei.

Schwierigkeiten im sozialen Bereich

Sowohl Thomas als auch Simone haben kaum Freunde. Franziska Nerl sagt, Thomas habe zwar zwei Freunde im Gymnasium, aber sie müsse ihn immer wieder darauf aufmerksam machen, dass er sich doch mal wieder bei diesen melden solle. „Thomas ist sehr sportlich und gut in der Leichtathletik. Das hilft seinem Ansehen, aber er lebt zurückgezogen, ist am liebsten in seinem Zimmer und sitzt an seinem PC. Soziale Kontakte pflegt er vor allem über Mail und Skype.“

Barbara Gärtner beobachtet Ähnliches: „Simone hat eigentlich nur eine Freundin. Sie ist viel alleine und schafft sich ihre eigene Welt, in die sie sich zurückziehen kann.“

Ein Lehrer steht an der Tafel vor einer Schulklasse | © unsplash

Durch ihr Verhalten werden Menschen mit dem Asperger-Syndrom oft ausgegrenzt. Schule und Lehrpersonal sind gefordert (Foto: unsplash).

Schule und Lehrer*innen gefordert

Sozialkontakte in der Schule bestünden praktisch keine, und auch im Turnverein oder Judoclub, in denen Simone aktiv ist, hätten sich wenig vertiefte Kontakte ergeben. Simone habe wohl viele Klassenkameraden mit ihrem Verhalten verschreckt, sagt Barbara Gärtner und fügt an: „Es trifft Simone, dass sie so viel alleine ist.“ Jetzt, da die Diagnose Asperger vorliegt, erhofft sich Gärtner auch Unterstützung und Verständnis von den Lehrern und den Eltern der Mitschüler.

Ähnliches hat Franziska Nerl erlebt. Sie sah sich gezwungen, Thomas im dritten Schuljahr aus der Klasse zu nehmen. Er war von seinen Klassenkameraden drangsaliert worden. Als er sich wehrte, eskalierte die Situation. Erst später wurde klar, dass Thomas am Asperger-Syndrom leidet. In einem privaten Langzeit-Gymnasium findet Thomas heute das geeignete Umfeld, unterstützende Lehrer und vor allem eine Schulbegleitung, die vieles aufarbeitet.

Erlebnisse hinterlassen Spuren

Das Erlebte hat im Umfeld Spuren hinterlassen – bis heute: „Es hat einfach Erlebnisse gegeben, die auf Thomas zurückgeführt wurden, manchmal zu recht, oft aber auch nicht.“ Dies hat dazu geführt, dass die Familie heute über einen ziemlich kleinen Bekanntenkreis verfügt, oder wie es Franziska Nerl ausdrückt: „Wir sind nicht die Familie, die von allen eingeladen wird – und umgekehrt.“ Nach den Vorkommnissen in der Schule hat sie auch im Dorf wenig Kontakt und fährt noch heute zum Einkaufen lieber ins Nachbardorf.

Sowohl Thomas wie auch Simone erfahren in ihrem privaten Umfeld große Unterstützung. Barbara Gärtner sagt, es gebe viel zu tun und jetzt kurz nach der Diagnosestellung auch viel zu organisieren. Im Moment müsse sie einen Tag nach dem anderen nehmen und schauen, was auf ihre Tochter, ihr Umfeld und auf sie persönlich zukomme.

Auch Franziska Nerl meint, grundsätzlich bedeute das Asperger-Syndrom ihres Sohnes mehr Aufwand, man müsse sich halt immer zweimal überlegen, wie Dinge und Situationen bei Thomas ankämen. „Ich versuche, Aktuelles direkt anzusprechen, die Dinge sachlich zu erklären und Situationen zu erläutern“, erklärt sie und sagt abschließend: „Es entwickelt sich, es wird besser.“

*Namen von der Redaktion geändert