Eine Gruppe Jugendlicher lacht in die Kamera | © Hannah Nelson / pexels

Jugendliche mit einer Behinderung in der Pubertät

Als ob die Pubertät alleine nicht schon schwierig genug wäre, stellt sie Jugendliche mit einer Behinderung vor eine ganz besondere Herausforderung. Wenn sie einsetzt, wird alles anders und schwieriger.

Die Pubertät ist der Meilenstein zwischen Kindsein und Erwachsenwerden – eine Phase, die jeder einmal durchmacht, die einen früher, die anderen später. Die Pubertät ist ein Reifungsprozess, in dem sich die geistige, soziale und vor allem die körperliche Reife entwickelt.

Mit sexueller Aufklärung früh beginnen

Menschen sind nicht von Geburt an sexuelle Wesen. Sexualität ist daher etwas, das Kinder beim Heranwachsen immer mehr entdecken und erfahren. Ob es sich dabei um einen Mensch mit oder ohne Behinderung handelt, spielt für den Prozess keine Rolle.

Damit die erste Berührung mit der eigenen Sexualität kein „Schreckerlebnis“ wird, ist es umso wichtiger, rechtzeitig mit einer gezielten Aufklärung zu beginnen. Dabei soll es nicht nur um Sexualbelange gehen, sondern auch um die körperlichen Veränderungen wie erste Menstruation bei Mädchen und Samenergüsse bei Jungs. 

Neben den individuellen Bedürfnissen der Heranwachsenden, sollte ebenfalls über die gesellschaftlich akzeptierten Regeln gesprochen werden. Wichtig ist hierbei auch, darüber aufzuklären, dass jedes Mädchen und jeder Junge individuelle sexuelle Grenzen hat, die nicht überschritten werden sollten.

Darüber hinaus sollten Kinder auch über Verhütungsmittel informiert sein. Bei Mädchen sollte ein regelmäßiger Besuch bei einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen eingeplant werden. 
Je aufgeklärter die Jugendlichen sind, desto eher können Übergriffe oder ungewollte Schwangerschaften sowie Krankheitsübertragungen verhindert werden.

Dabei unterscheidet sich die Aufklärungsweise nicht großartig, wenn es sich um einen Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung handelt. Hier gilt mittlerweile der Grundsatz, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung ebenso verschieden und in ihrer Sexualität einmalig geprägt sind wie alle anderen. Damit gilt auch: Den klassischen Menschen mit geistiger Behinderung gibt es nicht und somit auch keine Verallgemeinerung der Sexualität. Sie sollten daher genauso früh genauso früh in ihren Neigungen unterstützt werden.

Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass die sexuelle Aufklärung mehrmals beziehungsweise immer wieder stattfindet – und so die Regeln, Hinweise und Tipps in Bezug auf Sexualität gelernt werden können. Die Aufklärung sollte dabei in leichter Sprache sowie anhand von Bildern oder Fotos vermittelt werden. 

Die Lust an sich selbst

Selbstbefriedigung bei Jugendlichen ist normal. Die meisten Jungs und ein überwiegender Teil der Mädchen masturbieren regelmäßig. Eine Befragung zum Verhalten von Jugendlichen mit Down-Syndrom ergab, dass etwa die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen sich selbst befriedigen – laut dem Fachzentrum für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt (FZPSA). Für die meisten ist dabei klar, dass dies hinter verschlossenen Türen passiert. 

„Jugendliche mit einer geistigen Behinderung achten dabei jedoch nicht auf Ort oder Zeitpunkt“, so die Psychologin bei insieme Carmen Wegmann. So könne es passieren, dass sie sich, weil sie eben gerade Lust haben, in aller Öffentlichkeit befriedigen möchten. Eltern oder Betreuungspersonen müssen hier den Jugendlichen klar machen, dass Selbstbefriedigung normal und erlaubt ist, es jedoch etwas Privates ist und zuhause gemacht werden soll.

Ein Mädchen versteckt ihr Gesicht hinter Maisblättern | © Noelle Otto / pexels

Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind in der Pubertät sehr fragil. Hierbei können Gleichgesinnte stärken und supporten (Foto: Noelle Otto / pexels).

Identitätssuche und die erste Liebe

Die Pubertät ist darüber hinaus auch die große Suche nach dem Ich. Wer bin ich, was macht mich aus, wer will ich sein? „Nicht selten kommt es zum zwanghaften Vergleich mit anderen Jugendlichen und zur Überidentifikation und Idealisierung eines vollkommenen aber unerreichbaren Körperschemas“, erklärt Wegmann.

Durch eine körperliche Behinderung unterscheidet man sich jedoch schon mal ganz klar von den anderen, was für Jugendliche sehr belastend sein kann. Für sie sind Idealbilder, wie sie auch von der Werbung vermittelt werden, praktisch unerreichbar. Hier gilt es, das Selbstwertgefühl der betroffenen Jugendlichen zu stärken. Sie müssen lernen, dass sie mit ihrer Behinderung liebenswert und wertvoll sind, dass sie Ziele erreichen und selbstständig sein können.

Spätestens in der Pubertät bilden sich die ersten Pärchen – viele Jugendliche mit Behinderung müssen in dieser Zeit die ersten Ablehnungen des anderen Geschlechts verkraften. Das „Anderssein“ wird überdeutlich und zum Problem. 

Der Austausch mit Gleichaltrigen mit ähnlichen Behinderungen wird hier umso wichtiger, da die Betroffenen hier nicht durch ihre Behinderung anders sind als die anderen und sich auf das Wesentliche – die sozialen und körperlichen Veränderungen – konzentrieren können. Unter gleichaltrigen Gleichbetroffen können die Jugendlichen erfahren, wer sie wirklich sind, ohne ständig auf ihre Behinderung reduziert zu werden.

Was können Eltern tun?

Alle Jugendlichen brauchen mehr oder weniger Begleitung in der Pubertät. Wegmann findet dazu klare Wort: „Von den Eltern ist gefordert, dass sie ihre heranwachsenden Kinder loslassen lernen, ohne sie fallen zu lassen, denn die Jugendlichen wollen die überbehütende Vorsorglichkeit loswerden, ohne die emotionale Geborgenheit zu verlieren.“ Eltern brauchen in dieser Zeit viel Geduld und sollten viel Verständnis zeigen. Gleichzeitig sind jedoch auch Grenzen nötig. Die Führung der Jugendlichen sollte so sein, wie sie selbst: Für eine Person, die kein Kind mehr ist, aber auch noch nicht erwachsen.

Für Eltern mit Berührungsängsten gibt es hingegen hilfreiche Informationen beim Familienratgeber der Aktion Mensch oder unterstützende Beratungsangebote bei pro familia.

Letztlich ist es wichtig, den Teenies nicht das Gefühl zu geben, dass Sexualität etwas schlimmes wäre – sondern sie vielmehr darin zu unterstützen und sie somit in ihrer Selbstbestimmtheit zu fördern.