Eine Frau steht neben einem Mann, der im Rollstuhl sitzt | © Josh Appel/unsplash

ALS – Ursachen, Hypothesen und Prävention

Die genauen Ursachen für eine ALS-Erkrankung sind noch ungeklärt. Es gibt aber einige Forschungsansätze, die eine mögliche Erklärung liefern könnten. Beispielsweise kann man ALS-Erkrankungen in zwei Gruppen unterteilen – in die erbliche und die nicht erbliche ALS.

Genmutationen als Ursache?

Seit 1993 ist bei etwa 10 Prozent der ALS-Patient*innen, das heißt bei weniger als 1 Prozent aller Betroffenen, ein erblicher Defekt auf dem Chromosom 21 nachgewiesen worden. Die genetischen Veränderungen (Mutationen) im Gen der Superoxiddismutase (SOD1), einem Enzym, stellen bei diesen ALS-Betroffenen die Ursache dar. Ein Enzym setzt ein spezifisches Substrat um, wird dabei jedoch selbst nicht verändert.

Auf welchem Weg dieser Enzymdefekt zum Krankheitsausbruch führt, ist bisher nicht geklärt. Vermutlich bewirkt die Mutation eine toxische Funktionsänderung des SOD1-Proteins. Diese verursacht eine funktionelle oder motorische Veränderung der motorischen Nervenzellen und führt so zum Krankheitsausbruch. Der Mechanismus der Schädigung der Nervenzellen ist aber unbekannt.

Bei der häufigeren sporadischen ALS können bisher lediglich Hypothesen bezüglich ihrer Ursache formuliert werden. Es scheint unwahrscheinlich, dass eine einzelne Ursache für die Krankheitsentstehung verantwortlich ist. Die Forschung geht derzeit davon aus, dass verschiedene genetische und äußere Faktoren durch Wechselwirkung zur Entstehung der Krankheit beitragen.

Gen | © pixabay

ALS kann erblich bedingt sein, muss sie aber nicht (Foto: pixabay).

Glutamat als Auslöser?

Eine der Hypothesen zur Entstehung von ALS ist das zu hohe Vorkommen von Glutamat im synaptischen Spalt, also im Spalt zwischen zwei Nervenzellen, durch den diese kommunizieren. Glutamat ist ein Botenstoff (Neurotransmitter), der die Weiterleitung von Signalen zwischen Nervenzellen im Zentralen Nervensystem bewirkt. Die zu große Ausschüttung an Glutamat kann für die Veränderung der motorischen Nervenzellen bei ALS verantwortlich gemacht werden. Auf der Grundlage dieser Hypothese wurde das Medikament Rilutek mit dem Glutamat-Hemmstoff Riluzol zur Behandlung der ALS entwickelt.

Störung der Neurofilamente?

Als weitere mögliche Ursache der ALS wird die Neurofilamenthypothese diskutiert. Eine Nervenzelle wird durch sogenannte Neurofilamente gestützt. Bei ALS kann eine Störung dieser Neurofilamente vorliegen, wodurch Informationen nicht mehr über den Nervenfortsatz transportiert werden können.

Die seltene Veränderung im Neurofilament-Gen wird als genetischer Risikofaktor der ALS angesehen.

ALS als Immunreaktion?

Bei einer geringen Zahl von ALS-Patienten konnten hingegen Immunreaktionen gegen körpereigene Nervenbestandteile nachgewiesen werden. Laut der Autoimmunhypothese findet eine Reaktion zwischen Antikörpern und Oberflächenstrukturen der Nervenzellen und deren Fortsätzen statt. Da dies aber auch bei anderen Erkrankungen auftritt, ist eine ursächliche Bedeutung von Immunreaktionen für die ALS eher unwahrscheinlich.

Es gab auch Hinweise, dass die sporadische ALS durch Infektionen mit Viren verursacht wird. Ein Befall motorischer Nervenzellen zum Beispiel durch das Poliomyelitis-Virus weist klinische Parallelen zur ALS auf. Verschiedene Untersuchungen zur ursächlichen Bedeutung dieser und anderer Viren haben jedoch keine Bestätigung der Virushypothese ergeben.

Zwei Fußballspieler*innen | © Jannik Skorna/unsplash

Der Neurologe Dr. Adriano Chio veröffentlichte eine Studie, nach der italienische Fußballprofis im Vergleich zur Normalbevölkerung ein erhöhtes Risiko hatten an ALS zu erkranken (Foto: Jannik Skorna/unsplash).

Erhöhte Erkrankungsraten bei Fußballern

Ein interessanter Ansatz ist die physische Aktivitätshypothese. Im Januar 2005 wurden die Ergebnisse einer Untersuchung der Häufigkeit von ALS bei italienischen Fußballspielern von dem Neurologen Dr. Adriano Chio veröffentlicht. Die Studie umfasste 7.325 Fußballspieler, die zwischen 1970 und 2002 in der Serie A oder B aktiv waren.

Insgesamt wurden fünf Spieler identifiziert, die in dieser Zeit an ALS erkrankt sind - die Anzahl der statistisch zu erwartenden ALS-Erkrankungen betrug allerdings lediglich 0,77. Das heißt in der Berufsgruppe der italienischen Fußballprofis besteht ein 6,5-fach erhöhtes Risiko an ALS zu erkranken im Vergleich zur Normalbevölkerung.

Die Ursachen der erhöhten Erkrankungsraten können hohe körperliche Aktivität im Allgemeinen, der Gebrauch illegaler Substanzen zur Steigerung der physischen Leistungsfähigkeit oder genetische Faktoren für eine erhöhte Leistungsfähigkeit sein. 

Schlank und aktiv: kein Schutz vor ALS

Frühere Untersuchungen des Zusammenhangs zwischen dem Körpergewicht, körperlicher Aktivität und einem erhöhten Erkrankungsrisiko haben gezeigt, dass ALS-Patienten vor Ausbruch der Krankheit häufig körperlich sehr aktive und schlanke Menschen waren. Allerdings sind ein schlanker Körperbau und körperliche Anstrengung keinesfalls als Ursachen der ALS, sondern als mögliche Risikofaktoren in einem komplexen Ursachengefüge aus genetischen und Umweltfaktoren zu betrachten.