Handmikrofon in abgedunkeltem Raum | © unsplash

35 Jahre Comedy mit nur einem Arm

Martin Fromme hat seit Geburt eine Körperbehinderung – und 35 Jahre hauptberufliche Comedyerfahrung auf seinem Buckel.

Der Comedian Martin Fromme stehend vor einer grauen Wand | © Martin Fromme

Martin Fromme ist Komiker, Buchautor, Moderator, Schauspieler. EnableMe sprach im Jahr 2011 mit dem „einarmigen Banditen“, wie er sich ironischerweise in einer seiner Shows darstellt.

Im Interview erzählt er unter anderem davon, dass Selbstironie ein wesentlicher Bestandteil seiner Lebenseinstellung und Bühnenauftritte ist. Außerdem spricht er darüber, dass man im Leben mutig sein muss, um Spaß zu haben und erfolgreich zu sein.

Lesen Sie selbst!

Herr Fromme, Sie sind laut eigener Aussage „Deutschlands einziger körperbehinderter Komiker“. Wie fing das bei Ihnen eigentlich an?

Nach der Schule. Die Frage war, wirst Du jetzt Journalist, CD-Laden-Inhaber, gehst Du in die Werbung oder machst Du dein Studium zu Ende. Ich hab mich für den konservativen Weg entschieden. Ich bin Komiker geworden. Learning by doing. 1986 angefangen und dann einfach weitergemacht. Bis heute hab ich es nicht bereut.

War dabei Ihr fehlender Unterarm eher Hindernis oder sogar Karrieresprungbrett?

Im TV-Bereich war es bis vor ein paar Jahren ein absolutes Hindernis. Angst, Angst, Angst. Ein Karrieresprungbrett wird eine Behinderung wohl niemals sein. Sollte sie auch nicht. Eine faire Beurteilung der Qualität würde reichen. Ab September übernehme ich die Moderation von SELBSTBESTIMMT (MDR). Ich glaube nicht, dass die Behinderung der entscheidende Faktor war, mich zu fragen.

Handicap ist Bestandteil seiner Shows

Sie machen schon seit zweieinhalb Jahrzehnten Stand-Up-Comedy. Im Oktober startet Ihre neue TELÖK-Show „From Wanne-Eickel with Laugh“. Lachen Ihre Gäste heute über die gleichen Pointen wie früher?

Unser Humor hat sich vom Brachial-Humor zu einer sehr ungewöhnlichen, schon fast massenkompatiblen Darbietung gewandelt. Die Behinderung spielt eine untergeordnete Rolle. Natürlich werde Gags darüber gemacht. Und wenn die manchmal anfängliche Scheu des Publikums, über Behinderung zu lachen, gefallen ist, dann wollen sie mehr, mehr, mehr...

Wichtig ist, dass man sich immer wieder neu erfindet. Bisher halten wir uns 25 Jahre am Markt. Hätte mir das einer vor 25 Jahren gesagt, ich hätte ihm doof gezeigt. Im Rahmen meiner Möglichkeiten...

Im Jahr steht Ihr Comedy-Duo DER TELÖK hunderte Male auf der Bühne und Sie nehmen dabei Ihre Behinderung gerne aufs Korn. Könnte ein nichtbehinderter Komiker genauso Comedy machen wie Sie?

Schwer. Er könnte es, aber es würde nicht so gut funktionieren. Es käme auf den Typ an. Ausgeschlossen wäre das nicht.

Behinderte Menschen brauchen Selbstironie

Bei einem Gastauftritt in einer „Stromberg“-Folge kamen selbst von Ihrer einarmigen Figur Gernot Graf derbe Sprüche über Behinderungen. Inwiefern kann Ihrer Meinung nach Selbstironie helfen, mit Behinderung klarzukommen?

Behinderte, die keine Selbstironie in sich tragen, werden bitterlich im Leben scheitern. Alles nicht so ernst nehmen... besonders nicht die eigene Person.

Auch bei „Para Comedy“ haben Sie mitgewirkt, einer mittlerweile abgesetzten Sendung mit einer Art versteckte Kamera, bei der ahnungslose Passanten mit behinderten Menschen konfrontiert werden. Kann man mit Comedy eigentlich irgendwas bewegen?

Auf jeden Fall. Auf der Bühne sowieso, durch den direkten Kontakt. Die Diskussionen nach den Auftritten beim Bier oder Mineralwasser. Aber nach dem Auftritt lieber bei Bier. Leute verlieren ihre Hemmungen, viele Menschen gehen nach unserem Auftritt mit einem anderen Gefühl nach Hause. Mit einem Gefühl von Normalität.

Im TV-Bereich natürlich auch. Man erreicht mehr Leute. Diese sind in ihrem geschützten Bereich, zu Hause. Und ich garantiere, dass bei Para Comedy heftig gelacht und ungläubig der Kopf geschüttelt wurde. Keiner kann den TV-Konsumenten beobachten. Also kann man ungehindert blank ziehen. Von Anfang an.

Nach Hause mit einem Gefühl von Normalität

Kürzlich wurde die erste Folge von „Bullshit“ auf ZDFneo gezeigt - mit Ihnen als einen von drei Moderatoren. Was ist das für eine Sendung?

Kurz gesagt, das Satiremagazin TITANIC, in bewegten Bildern. In dieser Rolle hatte ich nichts mit der Behinderung zu tun. Ein Novum. Ein sehr lustiges Format. Ich hoffe, dass es weiter produziert wird.

Herr Fromme, haben Sie zum Schluss noch etwas für unsere Leser?

Auf jeden Fall. Liebe behinderte Leser, falls Sie etwas spüren, was Sie in sich tragen. Lassen Sie es raus. Man kann sehr viel erreichen, wenn man nur mutig genug ist. Es gibt sicherlich Grenzen, aber wenn man die Grenzen manchmal überschreitet, kann das verdammt viel Spaß bringen. Finden Sie sich nicht mit etwas ab, sondern erfinden Sie sich. Man lebt nur einmal. Und das Leben ist verdammt noch mal großartig.

Herr Fromme, vielen Dank für das Interview!



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